Anfang der 80er Jahre besuchte ich ein Seminar an der Uni zum Thema „Kritische Pädagogik“. Wir lasen die ersten Bücher von Alice Miller. 1979 war „Das Drama des begabten Kindes“ erschienen, 1980 „Am Anfang war Erziehung“, 1981 „Du sollst nicht merken“. Das hat mich damals tief beeindruckt und auch lange Zeit sehr bedrückt. Bis sich das Befreiende langsam zu entfalten anfing: man konnte Kinder also lieben und achten, und es wird trotzdem was aus ihnen! Man braucht nicht die Methoden der „schwarzen Pädagogik“ um sie zu formen und zu lenken. Ganz im Gegenteil schadet dieser Art der „Erziehung“ der kindlichen Gesundheit und dem späteren Erwachsenen, der mit hoher Wahrscheinlichkeit Hass und Rache an der nächsten Generation entladen wird. Okay, verstanden.
Die Frauenbewegung konfrontierte sich damals unter anderem mit dem Thema „Gewalt gegen Frauen“, woran zwangsläufig „Gewalt gegen Mädchen“, auch sexuelle Gewalt anknüpfte. Das Problem war also nicht der böse fremde Mann auf der Straße, sondern Männer aus der vertrauten Umgebung. Das war alles sehr deprimierend. Es brauchte große Ernsthaftigkeit und intensives Hinsehen um die Dimensionen zu begreifen. Erste Untersuchungen brachten schockierende Ergebnisse zu Tage. Und es war sehr schwer, geeignete Untersuchungsmethoden und Lösungsansätze zu finden. Beratungsstellen und Zufluchtswohnungen waren die ersten Maßnahmen. Schließlich mußte man sich auch der Tatsache öffnen, dass auch Frauen „Täterinnen“ waren, oft in Form von Mit-Täterinnen, (wenn auch in zahlenmäßig geringem Umfang), und ebenso, dass auch Jungen zu den Opfern sexueller Gewalt wurden.
Diesen Frauen ist es zu verdanken, dass das Tabu sexuelle Gewalt und Mißbrauch aufgedeckt wurde, und dass inzwischen Vergewaltigung in der Ehe zum Straftatbestand wurde und dass Kindern eine gewaltfreie Erziehung als Menschenrecht anerkannt wurde. Es war ein langer, sehr aufreibender Weg.
Heute vergißt man all das geflissentlich. Heute scheint man diese Frauen, ja die ganze Frauenbewegung nicht mehr zu brauchen. Weg damit! Man setzt noch eins drauf: Feministinnen-bashing ist zur Mode geworden. Das kommt vielleicht von denen, die sich "Maskulisten" nennen? Feministinnen jedenfalls waren seinerzeit Frauen, die sich nicht mehr damit abfanden, dass sie dem Manne untergeordnete Wesen sein sollen. Und es gab übrigens intelligente Männer, die sehr froh darüber waren. Frauen, die sich emanzipiert hatten, boten dem Mann einiges an Befreiungspotenzial! Dass ein paar übers Ziel hinausgeschossen sind, - geschenkt. Viele junge Frauen nehmen es heute als selbstverständlich, was ihre Vorgängerinnen erkämpft haben und meinen leider auch, sich vom Feminismus abgrenzen zu müssen. Und einige davon schießen auch wieder übers Ziel hinaus. Auch geschenkt. Sie machen halt den Männern viel nach!
Aber nochmal zurück zu den frühen 80er Jahren, wo die Frauenbewegung den sexuellen Mißbrauch an Mädchen aufdeckte. Daran denke ich jetzt öfter, seit der aktuelle Mißbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg in die Öffentlichkeit geriet. In der Tat, Jungen als Opfer wurden, zumindest am Anfang, übersehen, - zum Beispiel ganz konkret die Jungen, die damals Opfer ihrer Lehrer wurden. Gleichzeitig frage ich mich, mit welcher Chuzpe diese Männer handelten! Wie sicher sie sich waren, nicht aufgedeckt zu werden. Jahrelang. Übergriffe auf viele Jungen. Kollegen und Vorgesetzte nebenan. Alle schwiegen in dieser reinen Männerwelt. Da wird nicht gepetzt, oder was? Es bleibt mir vorerst rätselhaft.
Wir haben ja inzwischen eine „Männerbewegung“. Wäre schön, wenn sich diese Männer um diese schwierigen Themen kümmern würden. Mißbrauchende Männer, mißbrauchte Jungen, - dazu müßten sie doch was zu sagen haben. Ist aber Fehlanzeige. Ich habe mich ein wenig auf den entsprechenden Webseiten umgesehen. Da ist nichts. Sie beschäftigen sich ausführlich mit ihrem Gebärneid. Und in der Folge daraus mit ihrem Kampf um den Zugriff auf die Kinder.
Zugriff aufs Kind. Er findet in Haiti statt, durch Raub, Enführung oder manchmal in nobler Form von „Adoption“, er findet als sexueller Übergriff an der Schule nebenan statt, und er findet in Form von Sorgerechts-Auseinandersetzungen zwischen Eltern statt. Und in vielen anderen Formen. Der Zugriff aufs Kind ist immer latent oder manifest gewalttätig und vollkommen außerhalb dessen, was Kinder eigentlich brauchen. Skrupellos stellen erwachsene Menschen ihre Wünsche über die Bedürfnisse abhängiger Kinder. Verwerflich egoistische Erwachsene und trostlose Kinder. Würdig ist was anderes.
Vielleicht kommt ja noch was von den Männern. Aufklärung und Aufarbeiten. Auswege suchen, nach was Besserem Ausschau halten. Und eine Frage noch speziell an die Männer der Kirche: läßt sich Eure Liebe zu Gott mit dem sexuellen Mißbrauch an Kinder vereinbaren? Und wenn ich schon dabei bin: Neben etlichen seltsame Sachen stehen in der Bibel auch so scheinbar selbstverständliche wie: Kinder sollen Vater und Mutter ehren. Aber da steht nirgends: Eltern sollen ihre Kinder ehren! Ich möchte, glaube ich, nicht wissen, was sich die Zölibatären alles zusammenreimen. - Nein, mich hat bisher noch keine „Männerbewegung“ überzeugt, weder die kirchliche noch eine weltliche. Schade eigentlich. Aber vielleicht kommt ja doch noch was.
PS: Bei
Spreeblick läuft eine intensive Auseinandersetzung zum Thema, initiiert von Johnny Häusler, der selbst Schüler am Canisius-Kolleg war.
Die Männer sehen sich zumindest in der Gruppe als Rambos und wenn sie im Dunkeln wimmern dann tun sie das alleine.
Deutsche Erziehung eben.
Leider macht sich momentan auch in kritischen Kreisen ein recht altbackenes Familienbild breit. Da wird dann die Emanzipation der Frau als reine Erfindung der Illuminaten zur absichtlichen Zerstörung der Familie bezeichnet. Dabei wird leider übersehen, dass die Emanzipation der Frauen - ähnlich wie die der Arbeiter - eine logische Folge des allgemeinen Aufklärungsgedankens ist - dem auch wir letztendlich heute unsere Wahrheitssuche im Internet verdanken.
Da wird das Loblied auf die "traditionelle Familie" gesungen und man merkt leider gar nicht, wie sehr man einem gewissen Ideal erliegt, das eigentlich ins bürgerliche 19.Jhd. gehört - und das auch damals selten der Realität entsprach.
Dazu passt das in gewissen Kreisen gebastelte Feindbild der "linksgrünen Feministin", die natürlich unattraktiv ist und einen Job auf Staatskosten hat, sowie eine nun vermehrt offen ausggesproche Schwulenfeindlichkeit - was aufgrund des Außenministers auf offene Ohren stößt.
Nötige Differenzierungen bleiben auf der Strecke. Man spricht von der Überwindung der "political correctness" [über die man sicherlich diskutieren sollte], aber betreibt doch nur ein billiges Minderheitenbashing. Und leider habe ich ein sehr ungutes Gefühl, was da bei einigen (meist männlichen) Mitbürgern im Argen liegt und nur drauf wartet, hervorbrechen zu durfen, sobald die Zivilisation Risse bekommt, womit in Anbetracht der Krise zu rechnen ist.
PS... wie kriegt man die nervige google/swoope-Werbebox, die bei mir die Überschrift und den Namen des Autors des Artikels dauerhaft verdeckt, weg?
das was ich in deinen Zeilen über Kritik am Feminismus liest stammt wohl hauptsächlich von rassistischen Seiten wie PI-News.
Ich möchte dir, als "linker Mann" ;), etwas zu dem Thema sagen.
Da ich erst Anfang 20 bin hab ich ein völlig anderes Bild von der Geschlechterverteilung.
Das fängt damit an, dass meine Mutter arbeiten war, während mein Vater gewissermaßen den Hausmann spielte.
Geht weiter mit einem riesigen Ungleichgewicht meiner damiligen Lehrkräfte von denen geschätzt 70% weiblich waren (und wir nicht nur einmal und nicht nur bei einer Lehrerin das Gefühl hatten massiv benachteiligt zu werden).
Aber auch im zwischenmenschlichen Bereich ergibt sich mir einfach ein anderes Bild.
Die Frauen meiner damaligen Klassen und Kurse, meine Mitschülerinnen, waren die meiste Zeit tonangebend!
Kaum einer meiner Mitschüler wollte oder konnte sich verbal wehren und da ging es nicht um Frauenthemen, sondern um ganz allgemeine gesellschaftliche und politische Fragen.
Aber auch im privaten Umfeld ergibt sich mir ein anderes Bild.
Neben etlichen Männern die ich kenne die völlig offen "unter der Hand" ihrer Frauen oder Freundinnen stehen (und das auch zugeben), sind auch viele "verdeckt" völlig hörig.
Mit verdeckt meine ich, dass die jeweiligen Frauen nicht laut sind und schreien, aber in der Beziehung trotzdem nur gemacht wird was sie wollen.
Und das ist nunmal nicht zu übersehen wenn man mit einem Pärchen (oder auch nur dem Mann der Beziehung) befreundet ist und man ausschließlich, von der Freundin/Frau genehmigte, Aktivitäten ausführen kann/darf.
Schlußendlich noch ein wohl eher kontroverses Thema, den Kindern.
Viele Männer sind tasächlich frustriert, weil sie (nach gescheiterten Beziehungen/Ehen) nicht in der Lage sind eine angemessen Rolle bei der Erziehung ihrer Kinder zu spielen.
Dabei spielt es oft keine Rolle wie inkompetent der Frauenpart ist oder was diese für Nachtteile hat, denn sie muss sich nur EINMAL gerichtlich beschweren und der Männerpart hat (fast) KEINE Möglichkeit mehr in die Nähe seines Kindes zu kommen. Und wenn dann zu geregelten Zeiten die Gefängnisbesuchen ähneln, um es mal drastisch auszudrücken ;)
Um zu einem Abschluß zu kommen.
Aufgrund meiner Erziehung und der Gesellschaft in der ich aufgewachsen bin gibt es für mich keine Unterschiede zwischen Mann und Frau.
Beide haben die völlig gleichen Rechte, Aufgaben und Pflichten!
Nur stellt sich es mir heutzutage eben NICHT mehr so dar, dass die Frau sich weiterhin "verteidigen" müßte, im Gegenteil.
Es mag eine subjektive Einschätzung meinerseits sein, aber nach allem was ich bisher erlebt und erfahren habe ist es eher der Mann der heutzutage eine Art "Feminismus" bräuchte!
grüße
Vielen Danke für Deine Antwort.
Nun geht es mir gar nicht um ein Pro- oder Contra- Emanzipation - weil ich eigentlich denke , dass wir diese grundlegenden Diskussionen gar nicht mehr brauchen - und ich glaube, da sind wir uns auch einig.
Um so mehr ärgert mich, auf kritischen Blogs und Webseiten (die eben nicht alle rechts und rassistisch sind) mit solch unreflektierten Schablonen konfrontiert zu werden - wo dort ansonsten eigentlich "Emanzipation" im allerkonkretesten Sinne betrieben wird - im Sinne der Befreiung der Menschen von Bevormundung und Abhängigkeit.
Trotzdem noch ein paar Anmerkungen:
Vielen Dank, dass Du so offen Deine eigene Geschichte darstellst. Damit sprichst Du ein großes Problem an, das viele Jungs und Männer haben, die in unserer Gesellschaft heranwachsen: Die Abwesenheit von Männern als Erzieher und eine Dominanz des Weiblichen in diesem Bereich.
Wie kam es dazu, dass aus der gefürchteten Respektsperson "Herr Lehrer" gut "70% Lehrerinnen" geworden sind in den letzten Jahrzehnten?
Wahrscheinlich konnten hier Frauen deshalb relativ gut Karriere machen, da es auch historisch genug Wegbereiterinnen gab. So existiert hier schon eine gewisse "weibliche Infrastruktur". Auch kann man vermuten, dass für viele Männer der Beruf des Erziehers oder Grundschullehrers nicht genug Geld und Prestige abwirft. Sie werden eher Studienräte oder gleich Professoren, oder gehen in die Wirtschaft.
Nun eine Beobachtung meinerseits mit der Bitte um Berichtigung, wenn ich falsch liege:
Es kommt mir so vor, dass in unserer Gesellschaft, je mehr Prestige eine Tätigkeit hat, desto mehr Männer trifft man dort an - und umgekehrt. Verliert ein Beruf Ansehen, Macht, Geld, steigt der Anteil der Frauen.
Dazu passt, dass der größte Teil der Niedriglöhner Frauen sind und dass Frauen sehr viel weniger Geldvermögen im Lande besitzen.
Der Bildungs- und Erziehungsbereich wird zwar in Sonntagsreden immer hofiert, aber de facto ist er unserer Gesellschaft nicht sehr viel wert, wie man an den verfallenden Schulen sehen kann - ein Grund für den Rückzug der Männer aus dem Bereich? Das würde eher die These untermauern, dass die Emanzipation der Frau eben noch nicht so weit ist - auch wenn es natürlich den Betroffenen, den Schülern, anders erscheint, weil sie vorwiegend mit Frauen zu tun haben.
Aber, wir dürfen nicht vergessen, dass die Geschichte der Emanzipation in unserer Kultur noch jung ist.
Inwiefern natürlich ein Skandal wie der im Canisiuskolleg ein schlechtes Licht auf männliche Erzieher wirft sei dahingestellt. Wir wissen alle, dass das das nicht die Regel ist, aber es ist zu befürchten, dass "etwas hängen bleibt".
Dass auch unter den Schülern bisweilen eher die Mädchen den Ton angeben, ich glaube, das hat mit der Entwicklung zu tun. Mädchen sind in einem gewissen Alter den Jungs 1-2 Jahre voraus, das ist inzwischen erwiesen und dem sollte auch in der Erziehung Rechnung getragen werden.
Wie Du weiter ausführst, gibt es auch sehr machtbewusste Damen und unterwürfige Herren.
Das deckt sich auch mit meiner Wahrnehmung. In vielen Familien sind es eigentlich die Frauen, die den Ton angeben oder so profane Dinge wie die Finanzen verwalten und bestimmen, wohin der Urlaub geht und ähnliches.
Ein Grund mag sein, dass die Männer stark vom Erwerbsleben vereinnahmt sind, dass ihnen wenig Kraft und Raum bleibt für die Familie. Viele "moderne" Männer möchten bestimmt auch gern zeigen, wie modern sie sind und sind verunsichert. Aber es gibt bestimmt noch mehr Ursachen.
Ich vermute im Übrigen, dass eine solche Konstellation auch früher gar nicht selten war, beispielsweise fand ich solches auch in der Generation meiner Eltern und Großeltern, wobei zumindest letztere von "1968" garantiert unbeleckt waren.
Allerdings war früher die rein rechtliche Position der Frauen in der Ehe erheblich schlechter, und pro forma hatte der Mann das Sagen (Stichwort: Ehemann konnte Arbeitsstelle der Frau kündigen, ohne ihr etwas davon zu sagen... u.a.). Auch waren unverheiratete Mütter und ihre Kinder sehr negativ angesehen. Das hat sich alles zum Glück geändert.
Dass andererseits aber heute im Falle der Trennung eines Paares die Männer rechtlich schlechter gestellt werden, vor allem wenn es um die gemeinsamen Kinder geht, das ist ein Mißstand, den es zu beheben gilt. Hier ist die Emanzipation der Frauen über das Ziel hinausgeschossen und es wird das Interesse des Vaters an seinen Kindern schlichtweg ignoriert, was keinesfalls akzeptabel ist.
So denke ich abschließend, man kann hier nicht auf einfache Lösungen setzen. Gerade bei solchen Fragen sind Nachdenken, Differenzierung und Empathie dringend notwendig - egal von welcher Seite.
Alle Männer, die Männer, viele Männer oder manche Männer? Der Mann an sich?
Pauschalisierungen sind rassistisch, die o. g. ist sexual-rassistisch.
Ich als Mann und Betroffener kann Dir nur schreiben: Guck in den Spiegel.
Du schreibst "Vielleicht kommt ja noch was von den Männern." Und die Frauen? Die Männer oder die Frauen? Oder die Männer und die Frauen?
:::> oder die gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse als solche vielleicht?
Ehrlich, den Artikel hätte ich an Deiner Stelle komplett neu geschrieben! Es gibt viel Gutes darin, aber auch Schrott.
Mit zornigen Grüßen
Bernhard
Würdest Du das erstmal zur Kenntnis nehmen?!!