
"Lateinamerika erhebt sich", die 2-teilige Dokumentation von Gonzalo Arijon, die auf arte lief, kann man jetzt leider nicht mehr als Video ansehen. Solche Sendungen rechtfertigen ausnahmsweise sogar, dass man die GEZ zahlt. Gäbe es bloß mehr davon.
Eduardo Galeano, der zwischendurch immer wieder in Interviews zu Wort kam, ist der Autor des Buchs "Die offenen Adern Lateinamerikas", das seit seinem Erscheinen 1971 zu den Standardwerken zur Geschichte des Kontinents gehören. Er erzählt hier von den Anfängen der Kolonialisation um 1500 bis in die Gegenwart eine Geschichte von Gewalt, Krieg und Ausplünderung. "Das Buch wurde geschrieben, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ein nicht spezialisierter Autor wendet sich an ein nicht spezialisiertes Publikum mit der Absicht, gewissen Tatsachen zu verbreiten, die von der offiziellen Geschichtsschreibung, die eine Beschreibung der Geschichte der Sieger ist, verschleiert oder verfälscht wurden", heißt es in einer Ergänzung von 1978.
Seit einigen Jahren ist Lateinamerika im Aufbruch. Hugo Chavez in Venezuela, Evo Morales in Bolivien, Rafael Correa in Ecuador und noch eine Reihe weiterer legitim gewählter Präsidenten stehen für eine selbstbewußte neue Politik. Statt Abhängigkeit von der imperialen Großmacht sucht man Solidarität mit den Nachbarländern. Statt Zerstörung der Umwelt inklusive der Landwirtschaft geht man den Weg zu Respekt vor der Natur und zu Ernährungssicherheit. Anstatt die indigenen Völker weiterhin zu mißachten profitiert man von ihnen und ihrem Wissen, indem man es zu einem grundlegenden Motiv für neue Verfassungen macht, an denen man in konstituierenden Versammlungen arbeitet.
"Das gute Leben" meint bei den Ureinwohnern ein Leben in Harmonie mit sich und der Natur. Man begreift, dass man der Natur Rechte einräumen muß um sie zu schützen. Indigene würden dazu sagen, die Natur hat eine Seele, sie ist lebendig. "Das gute Leben" meint auch das Leben ganz normaler Leute, die nicht Profit und Überfluß brauchen. Reich sein hört auf, eine Frage des Geldes zu sein. Frei sein beginnt im Magen.
In Ecuador war man zuletzt zu 80 % auf Nahrungsmittelimporte angewiesen, weil die regionale Landwirtschaft nahezu eingestellt war. Das ändert sich seit dem Beginn von Bodenreformen. 2 Tage nachdem der Präsident gesagt hatte, kein Quadratmeter Ackerland sollte ungenutzt bleiben, fingen sie an, Land neu zu bestellen, erzählt ein Bauer. Sie bebauen jetzt Land, das zum Anwesen eines ehemaligen Armeeobersten gehörte, der es nie nutzte. Sie seien inzwischen 18 Familien, die das Land kooperativ nutzen. Neue Familien seien gerne willkommen. Das Land werde vergesellschaftet und nicht aufgeteilt.
In dieser Geschichte spiegelt sich meiner Meinung nach eines der Erfolgsgeheimnisse der derzeitigen Entwicklung wieder. Die Politik, die entwickelt wird, nimmt jeden mit. Und der Präsident spricht jeden an. Jeder kann mitmachen, und zwar jetzt gleich. Fortschritte, wenn auch kleine, kann jeder erleben. Und zwar auch jetzt gleich. Eduardo Galeano spricht an einer Stelle von einer der 7 Todsünden des Kontinents, und zwar von der Inflation der Geschwätzigkeit. Es sei an der Zeit, dass man aufhöre zu reden um statt dessen zu handeln. Es scheint ihnen zu gelingen.
Man braucht nun nicht glauben, dass es nicht reichlich Kritik und Streit gäbe. Galeano sagt an anderer Stelle, er könne Chavez nicht leiden. Aber dennoch würde er anerkennen, dass er ein legitim gewählter Präsident sei. Auch Lula in Brasilien ist nicht unumstritten. Es wird deutlich, dass jede Region eine eigene Entwicklung geht, sowie jede Präsidentschaft ihre eigene Färbung besitzt. Aber das hindert sie offentsichtlich nicht daran, in vielerlei Hinsicht zusammenzuhalten, wie sie eindrucksvoll demonstriert haben, als Bush im November 2005 zum Amerika-Gipfel anreiste um seine ALCA durchzusetzen, eine amerikanische Freihandelszone, in der er den "Subkontinent" gerne flugs integriert haben wollte. Man antwortete darauf mit der ALBA, einer bolivarianischen Allianz! Bush, go home.
Ich beneide die Lateinamerikaner um ihre Präsidenten, die quer durch die Bevölkerung bis zum kleinsten campesino jeden ansprechen. (Wir haben die Merkel, die Kanzlerin aller Deutschen sein möchte, wie sie sagt. Ist das deprimierend?) Und ich hätte auch gerne einen Intellektuellen wie Eduardo Galeano, der zu uns spricht, wie er zu seinen Leuten spricht. (Wen haben wir? Zu uns sprechen Talk-Show-Clowns mit ihren illustren Gästen – bäh ...!) Aufbruchstimmung ist bei uns in Europa Fehlanzeige. Aber ansonsten geht es uns und unserer Intelligenzia gut: ansonsten halten wir uns für die Allerschlausten! - Wir werden dümmer, glaube ich.
Inzwischen habe ich mir die vielen vielen Verbesserungen für das Leben der Bevölkerung nochmal vor Augen geführt. Ich finde das in der Summe schlicht und einfach überzeugend.
Chavez ist eindeutig der präsident der "meisten" venezolaner, will heissen: er ist "gewählt". die meisten venezolaner sind in diesem falle, wie in allen anderen ländern entsprechend auch, die "armen" venezolaner. und siehe da, für genau diese wähler schickt Chavez sich an, politik zu machen, seit jahren schon! irgendwie kommt einem dieses prinzip doch vertraut...
nun denn! andernortens sorgt dieses ungetrübte verständnis von demokratie für unbehagen, was dann sogleich als mediengift in die hirne der gutgläubigen und die der hartgesottenen ignoranten tröpfelt. und so ein Chavez ist den "wenigen" venezolanern, respektive den wohlhabenden, natürlich ein dorn im rotgeweinten, tränennassen äuglein, ob des fingerbreiten absinkens im noch immer übervollen eigenen honigtöpfchen. das eskaliert dann schnell bis hin zur gewalt. man kann es sich ja leisten und die yankees stacheln an.
das gespannte verhältnis zu Kolumbien Chavez anzukreiden, ist eine wahrhaft herausfordernde ignoranzdenksportaufgabe. erläuterung in aller kürze: da allein schon die idee einer alternativen gesellschafts- und wirtschaftsform in dieser vom neoliberalismus zerfressenen zeit in den marmorzentralen blankes entsetzen auslöst, tun sowohl Chavez, als auch der rest des revoltierenden "backyards" gut daran, auf satellitenstaaten wie kolumbien ganz genau aufzupassen! "lächerlich" ist daran leider nichts. diese aussage zeugt vielmehr von erschreckender unwissenheit bezüglich aussenpolitischer gepflogenheiten der USA.
was die "beliebtheit der venezolaner" angeht, da kann ich beruhigen. nein, die welt hat nichts gegen Venezuela, gegen die venezolaner und auch nichts gegen Chavez, im gegenteil. das ist nur der übliche medien-firlefanz, mit der realität hat das nichts zu tun. ist wie mit dem aufschwung, der ist ja auch immer da. die talsohle liegt hinter uns! die klimakatastrophe dafür direkt vor uns, immer! peak oil ist schon seit den sechzigern und Chavez ist böse - so ist das und jetzt: schnauze!
Saddam Hussein war ja mal der gute. die Taliban übrigens auch. und wenn die medien nun beschließen, Marc Dutroux konsequent zum helden hochzustilisieren, dann steht auf belgischen marktplätzen bald die entsprechende bronze. passanten werden dem "helden" im vorbeigehen den schniepel reiben. das bringt nämlich glück.
USA ist mit wirklich mit Vorsicht zu nehmen, aber Chavez ist die falsche Option.
am thema vorbei? seltsam. und hab ich von venezuelas bedeutung in der region gesprochen? egal. wichtig und richtig ist, das die region zunehmend "links" ist, demnach venezuela also doch an bedeutung gewonnen hat - deinen worten folgend. überhaupt hat Venezuela nicht nur in der region, sondern vor allem "global" ordentlich zugelegt. das land ist nun ein souveräner erdölexporteur! vorher war es mehr so eine art franchise unternehmen. ginge es dir tatsächlich um die bedeutung Venezuelas (was mir persönlich ohnehin grotek vorkommt), so solltest du dich über Chavez freuen.
und wichtig: wenn ich etwas über Chavez erfahren möchte, dann fliege ich nicht in die karibik und frage dort an der bar.