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Das Internet-Manifest - Wieder eine Chance vertan
Manchmal sollte man einem Projekt etwas Zeit geben. Bei einigen Produkten hilft auch keine Zeit. Ich mag die Schreibe von Thomas Knüwer und Mario Sixtus kann mich nicht nerven, weil ich ihn einfach nicht registriere. Er kommt in meinem Universum einfach nicht zu Wort und auch bei diesem Manifest spüre ich vor allem den ehrlichen Zorn von Thomas Knüwer auf die Journalisten und Herausgeberzunft der Printmedien. Dieser Zorn eines Journalisten ist begründet, hat aber nichts mit dem Internet zu tun, sondern ist eine interne Abrechnung innerhalb der Medienwelt. Für alle anderen völlig bedeutungslos.
Das dann die immer gleichen Typen auf den Zug aufspringen und etwas unterzeichnen ist logisch für diesen Typ von Selbstdarstellern ohne wirkliche persönliche Position. Don Alphonso bezeichnet sie als Mittelalte Adabeis Für Internet Angeberei M.A.F.I.A. e.V. und hat damit zumindest die Lacher auf seiner Seite und lässt auch bei seiner sonstigen Analyse keine Zweifel:
Ob das Ding dann von “dem Internet” legitimiert ist, oder als Witz gesehen wird, dürfte den Machern dann egal sein, denn für die Medien und Talkshows und Jurys, denen man sich andient, ist das eher egal. Es gibt nicht mehr viele Möglichkeiten, so etwas anzustossen, denn nach 5 Jahren Bloggerei und Kommerzialisierungsversuchen der Beteiligten verschwinden langsam die sonstigen Optionen. Das, was man im Manifest vorstellt, hat man schon lange selbst eher erfolglos versucht. Und nachdem es als Journalist, Webunternehmer, Werbevermarkter. PRler und Politikberater nicht geklappt hat - bleibt einem immer noch der gute, deutsche Verbandsfunktionär.
Ja, das wäre sicherlich für einige der Unterzeichner ein echtes Lebensziel. Oliver von F!xmbr beschäftigt sich mit der Käuflichkeit der Unterzeichner und deren Geltungsdrang.
Dieses Internet Manifest nun wurde von Leuten ersonnen mit denen sich der Rest dieses Internets im Prinzip gar nichts assoziiert wissen möchte bzw. denen diese Leute teils völlig unbekannt sind. Die Berliner Lobby hat zwar viele willfährige Follower, doch recht wenige Freunde bzw. Kontakte in diese Szene, die abermals herhalten muß für biedere Absichten. Kauf mich … ist der gemeinsame Nenner jener, Kauf mich … auch hier Aufhänger und gemeinsam erklärtes Ziel.
Aber wie dem auch sei, bei derlei Personalien halt ich mich in der Regel raus – ich konsumiere deren Ergüsse nicht, insofern tangieren diese mich auch in keinster Weise. Allerdings hat jene Berliner Clique die Angewohnheit für die Allgemeinheit zu reden, sie erheben unaufgefordert die Stimme für alle am Netz Partizipierenden, sie nehmen Dinge in Anspruch die nicht auf ihrem Mist gewachsen sind, sie mißbrauchen ihre etwas lautstarkere Stimme für Kampagnen monetärer Ursächlichkeiten und torpedieren damit oftmals eine Dynamik in diesem Netz, indem sie diese dort Partizipierenden in die Ecke sich ereifernder Krämerseelen rücken.
Da fällt vor allem Markus Beckedahl auf, der ständig seine eigenen, meist unausgegorenen Gedanken, als offizielle Meinung der deutschen Netzbürger in irgendwelche Mikrofone oder Bleistifte quakt. Er ist so etwas wie der Dieter Bohlen des Netzes. Wie Peter Schink, der vor nicht allzu langer Zeit noch im wesentlichen als Moderator eines Forums rechtes Gedankengut vor linken Angriffen geschützt hat. Ob er überhaupt zu den Netzbürgern zählt, mag bezweifelt werden. Auf jeden Fall ist er ein Beleg für Haltungsturnen nach Fremdvorgabe. Zu Sascha Lobo muss niemand mehr etwas sagen, was den Begriff Vodafail übersteigt.
Felix Knoke trifft einen weiteren Nerv der vielen Probleme, die diese Gruppe hat.
Das Internet-Manifest ist das Eingeständnis als Internet-Avantgarde gescheitert zu sein. Das Manifest versucht das Lied vom Aufbruch zu singen, ist aber im Kern sowohl reaktionär als auch ökonomistisch. Das Manifest – geschrieben von Medienprofis, Unternehmern – ist die Aufforderungen sich (natürlich in vernünftigen Grenzen) dem Markt zu unterwerfen, Märkte zu schaffen und in Märkten zu denken: "Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche."
In solchen Sätzen entblößt sich die Herrschaftsphantasie der Manifest-Autoren, die einen Geldesel im Hinterhof wähnen, den aber niemand sehen will. Dass dieser Geldesel aber in Wirklichkeit all die – im Gegensatz zu den "Alpha-Journalisten" unbezahlten Blogger, Wikibeiträger und Netzkommentatoren – sind, die mit den Karotten "Freiheit", "Partizipation" und "Journalismus" vor den eigenen Alpha-Karren gespannt werden sollen, sagen sie nicht.
Das ist sicherlich richtig. Aber trotzdem hätte sich auch aus dem verkorksten Anfang vielleicht noch etwas machen lassen, wenn die Herausgeber und Unterzeichner wirklich an einem Dialog interessiert gewesen wären. Die Geschichte des nachgereichten Wikis zeigt aber, das es gar keine Vorstellung zu einer Aufbereitung gab. Sie nennen es eben nur Arbeit und wollen auf hohem wirtschaftlichen Niveau prokastinieren um sich der Realität nicht stellen zu müssen.
Tatsächlich gibt es im Wiki eine wichtige Veränderung. Das Internet ist nicht mehr anders. Diese Reflektion auf die Beschimpfungen der Systemmedien wurde gestrichen. Dafür gibt es aber einen neuen hehren Ansatz: "Das Internet gewährt freien Journalismus." Nun ja. Wenn man Zensursula und diverse Staatsanwälte vergisst, die mit Zensur und Klagen die Blogger eingrenzen mag das stimmen. Die Unterzeichner sind ja auch nicht von Zensur bedroht, sie haben ja kaum eine eigene Meinung.
Aber immer noch geht es nur um den Journalisten. Eben weil es von einem Journalisten für Journalisten geschrieben wurde und die Unterzeichner sich als Journalisten sehen. Wie Lanu schon immer sagt. Journalisten sind keine Blogger. Aber viele Blogger erzeugen auf hohem Niveau extrem guten Journalismus ohne daraus den Anspruch abzuleiten, sie wären Journalisten.
Das Netz ist nicht anders, es ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Mit all ihren Problemen, Neigungen und Sehnsüchten. Wer ein Internet-Manifest will muss den Menschen in den Vordergrund stellen und nicht eine berufliche Erscheinungsform des Menschen, wie den Journalisten. Wenn sich der Journalismus retten will, dann geht das nur über eine harte Auseinandersetzung mit den Vertretern des Kapitals. Mit Gewerkschaften die diesen Namen verdienen und Streiks.
Die Netzbürger haben keine Veranlassung die Journalisten und die Werbefuzzis zu retten. Denn diese Leute kümmern sich ja auch nicht um die Probleme der Netzbürger, sondern benutzen diese immer nur als Trittstufen, um selbst ohne Mühe an die Futtertröge zu kommen. Da wird es wohl kaum Zusammenarbeit geben.
Zwar werden sie bei der nächsten re:publica wieder ein Haufen von Groupies und Mitläufern ihre alten und wirkungslosen Idee in der Kalkscheune verbreiten und den Veranstaltern wenigstens etwas Geld einbringen, aber die Luft ist aus diesem Geschäftsmodell wohl raus. Es wartet nirgendwo ein Goldesel und bloggen bleibt Arbeit, wenn man es gut machen will. So wie alles was man gut machen will, eben viel Aufwand, also Arbeit bedeutet.
Viel Aufwand bedeutet aber auch viel Zeitaufwand. Wer den Informationsfluss im Netz stärken will, sollte nicht über unrealisierbare Bezahlmodelle nachdenken, sonder über ein Grundeinkommen, was wenigstens die schlimmsten wirtschaftlichen Nöte lindert. Freiheit erfordert nämlich ein gerütteltes Maß an wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Aber Unabhängigkeit ist ja nichts mehr, über das Journalisten noch nachdenken.
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