Jürgen Rüttgers ist in der CDU und der Ministerpräsident von Nordrhein-Westphalen. Er ist bekannt für seine markigen Parolen zum Thema Ausländer. So wie schon bei seinem “Kinder statt Inder” hat er sich nun wieder einmal im Ton vergriffen. Denn wenn Wahlkampf ist, dann fischt der Herr Rüttgers auch gerne einmal in trüben Tümpeln mit. Nicht unbedingt gleich im ganz braunen Sumpf, aber in die geistig flachen Gewässer der “schweigenden Mehrheit” und der “Pipifanten” hängt er dann doch schon mal die Angel hinein. In dem selben Kontext beurteile ich auch seine Beurteilung der rumänischen Arbeitsmoral. Doch um die soll es hier nicht gehen.
Denn wenn mir die Äußerungen eines Herrn Rüttgers übel aufstoßen würden, dann müsste ich ja mit Dauersodbrennen leben. Das will ich aber nicht. Darum fresse ich diesen Unsinn auch nicht in mich hinein. Doch der Rüttgers hat mich an etwas erinnert, das mir noch immer den Magen umdreht. Es geht um NOKIA und Bochum.
NOKIA und Bochum ist auch die Begründung, warum ich seit Weihnachten 2007 kein einziges Telefon dieser Firma mehr gekauft habe. Es ist nicht so, dass ich in diesem Zeitraum überhaupt keine Mobiltelefone gekauft hätte. Ganz im Gegenteil. Ich habe einen ziemlichen Verschleiß an diesen Dingern. Das bringt schon die Tätigkeit auf einer Baustelle so mit sich. Aber immer wenn mir dann vom Verkäufer eines von NOKIA angeboten wurde, und es wird einem immer als Erstes eines von denen angeboten, dann habe ich es mit der Begründung “wegen Bochum” abgelehnt.
Anfangs haben es die Verkäufer sofort verstanden. Dann wurden die Telefone schnell weggelegt und die anderen Anbieter hervorgeholt. Heute wissen sie nicht einmal was ich meine. Sie fangen dann an, mir zu erklären, dass fast alle Kunden nur NOKIA wollen und die auch die besten Telefon hätten. In der Regel frage ich dann, was denn da besser wäre und ob man mit den anderen Telefonen schlechter telefonieren kann. Das wird sofort verneint. Aber die von NOKIA seien nun einmal die beliebtesten.
Was ist also aus der Empörung über das rüde und menschenverachtende Verhalten von NOKIA geworden? Vor allen Dingen wem hat es geschadet? Also NOKIA hat es nicht geschadet. Die haben daraus ihren Profit gezogen und profitieren weiterhin davon. Die Verlierer in dem ganzen Spiel sind nur die Arbeiter in Bochum. Eine Welle der Solidarität bäumte sich auf. Ich dachte gleich an Saul D. Alinsky. Es wäre die Gelegenheit gewesen mal einem der Konzerne, die Grenzen ihrer Macht zu zeigen. Es gab Boykottaufrufe und es begann auch ein Boykott. Doch dieser hielt nicht länger an als die Welle der Solidarität. Schon nach nicht einmal drei Monaten war alles verebbt. Auf der Welle waren sie alle mitgesurft. Die Blogger, die SPD, die Gewerkschaften, die Linke und sogar die CDU mit Jürgen Rüttgers. Während die Ersteren nach dem Abebben schnell weg waren und die Leute in Bochum weitgehend alleine ließen, nutzte der Rüttgers es noch für seinen Populismus.
Genau das ist denn auch der Grund, warum sich NOKIA und Ihresgleichen auch nicht wirklich Gedanken um solche Kampagnen machen müssen. Die wissen ganz genau, dass sie die nicht fürchten müssen. Denn die Allermeisten die sich dort aufregen, tun das nur um ihr eigenes Gewissen reinzuwaschen. Es ist der pure Egoismus der sie treibt. Genau der Egoismus der auch dazu führt, warum es keinen, auch noch so kleinen, Kampf gegen die Macht der Konzerne gibt. Denn über anklickbare Internetpetionen und anonyme Wutkommentare geht das sowieso nicht hinaus. Wenn es darauf ankommt sind schon die Features an einem Mobiltelefon wichtiger als die Not einer Bochumer Fließbandarbeiterin. Wer will schließlich auf ein Megapixel oder was weiß ich verzichten, weil die jetzt in der Gosse landet. Nein, da ist NOKIA allemal beliebter. Wer will nicht die paar Cent weniger für eine CD bei Müller-Drogeriemärkte weniger bezahlen, nur weil die Angestellten dort auf ihre Arbeitnehmerrechte verzichten müssen? Schließlich kann man ja sparen. Wie schlimm ist schon die Google-Krake, wenn am über Adwords ein Krümelchen vom Kuchen abbekommt? Denn auch Geld, das man mit linken Parolen verdient stinkt nicht. Scheiß doch darauf wie Amazon seine Mitarbeiter behandelt. Es ist bequem und schließlich kauft man eh nur im Internet.
Ich greife Niemanden an, nur weil er zuerst an sich denkt. Bitte schön das soll er tun, ich tue das meistens auch. Doch dann mögen diese Leute auch schön bei Anderen den Ball flach halten. Denn Bochum ist für mich das Fallbeispiel für die Scheinheiligkeit der deutschen Gesellschaft. Die Solidarität hält nur solange, wie sie nicht den auch nur allerkleinsten eigenen Beitrag kostet, und man selber etwas davon hat. Sei das auch nur die Beruhigung des eigenen Gewissens.
Wer also hier gegen den selbsternannten Arbeiterführer Rüttgers lamentiert, der sollte mal nachschauen womit er telefoniert. Der sollte auch mal überlegen, wann er sich das letzte Mal wirklich um die täglichen Nöte der Menschen gekümmert hat, für die er so gerne im Internet oder in der Uni das große Wort führt. Der könnte schon mal darüber nachdenken, wie er reagiert wenn ihm eine gut dotierte Position bei einem Großkonzern oder bei einer Partei angeboten wird. Der müsste sich einfach einmal vorstellen wie er sich verhält, wenn er vom Graswurzeldasein eines Bloggers in eines der gut bezahlten Meinungsbordelle der deutschen Topmedien aufsteigt.
Das alles betrifft übrigens auch die Arbeiter in Rumänien. Denn so groß auch die Empörung über Rüttgers Parolen ist, wenn es um den Preis des geliebten NOKIA-Handys geht, da sind die Arbeits- und Lebensbedingungen im Herstellerland schnell vergessen. Die Menschen in Rumänien können schon morgen das erleben, was den Menschen in Bochum passiert ist. Denn schließlich wissen NOKIA und die anderen Konzerne, dass sie es ja machen können.
Es ist also so, der Rütgers stößt übel auf. Doch diese ganze scheinheilige Heuchelei ist zum Kotzen.
In diesem Sinne noch einen schönen Sonntag.
P.S.: Für die Krümelkacker
Ich weiß auch, dass die Sony Ericson, Samsung und so weiter nicht die edlen Ritter sind. Doch wenn es gelungen wäre einen der größten Konzerne seine Grenzen aufzuzeigen, dann hätte es bei Anderen sicher Wirkung gezeigt. Denn die sind da nicht anders als jede Rüpelbande. Da muss man sich auch immer mit dem Anführer prügeln. Da kommt der Respekt der Restlichen automatisch.
Weshalb is Nokia überhaupt erst nach Bochum gekommen?
Freiwillig? Sicher nich, da gibt es genug andere Standorte auf der Welt. Natürlich zählt da nur der Profit, so is das in unsrer Gesellschaft, aber unsere Politik hat dafür gesorgt, solche Unternehmen herzulocken mit Subventionen und wenn diese halt dann nich mehr gezahlt werden hauen diese Geier halt wieder ab! Gruss
In den 1990er Jahren begann das erste große Rausschmeißen, zu dem Zeitpunkt noch abgefedert durch Frühverrentung, Um- oder Weiterqualifizierung - in Bochumer Altenheimen sind überproportioniert ehemalige Nokia-Kolleginnen beschäftig.
Von dem Zeitpunkt an fanden praktisch kaum noch Neueinstellungen statt, für den erweiterten Personalbedarf wurde sich auf dem Zeitarbeitsstrich bedient, was bedeutete, daß, großzügig gerechnet, fast 20% der Mitarbeiter bei der Werksschließung rechtlos waren. Rechtlos betr. eines Sozialplanes, rechtlos, wie schon zuvor bei der Mitbestimmung und rechtlos, was auch nur ansatzweise eine angemessene Entlohnung betraf. Über das Schicksal dieser 20% wurde nichts berichtet. Nichts, betr. der Tatsache, daß sie bedingt durch die Niedriglöhne zu ergänzenden Hartz IV-Empfängern wurden und auch nichts was aus ihnen wurde.
Der Fall Nokia stellt nichts Besonderes dar. So und nicht anders funktioniert der Kapitalismus. Nicht anders als Nokia verhielt sich BMW in Großbritannien bei den Rover-Werken, nicht anders Daimler-Benz in den USA betr. Chrisler. Das wußte der damalige Ministerpräsident Rau, das wird wohl auch Herr Rüttgers gewußt haben. Das wußte vor allem die Belegschaft.
Wenn Herr Rüttgers also weiß, daß es keine Arbeitsplatzsicherheit gibt, wenn er des weiteren weiß, daß Vollbeschäftigung ohne massiven Eingriff in die Arbeitszeit ein Ding der Unmöglichkeit ist, dann handelt er unredlich. Unredlich, weil er nicht den Verursacher beim Namen nennt und auf die eingegrenzten Eingriffsmöglichkeiten des Staates verweist. Und das allerletzte ist es, so er die bedarfs-rassistische Karte zieht.
Der selbsternannte Arbeiterführer weiß ganz genau, daß sich an dem Phänomen Massenarbeitslosigkeit, ein Phänomen, welches seit über 30 Jahren existent ist, nichts ändern wird. Ganz genau weiß er daß die amtlichen Statistiken Lügen sind. Und er weiß der verhehrenden Wirkungen welche die Hartz-Schikanen für die Betroffenen und die Belegschaften bedeuten.
Nicht so sehr die Höhe der Leistungen ist in der Kritik. Wesentlich härter greifen die sogenannten Zumutbarkeitsregeln, wesentlich härter die sogenannte Mitwirkungspflicht und wesentlich härter die willkürlichen Kürzungen und Bußgelder. Wer die Möglichkeit von Kürzungen oder gar Streichungen des Existenzminimums vorsieht, der weiß daß dieses Hungern bedeutet. Und das ist pervers.
Dazu schweigt der "Arbeiterführer".
Die Angst soll die Belegschaften weiter entsolidarisieren. Die Angst vor der Niedriglohnkonkurrenz vom Zeitarbeitsstrich, die Angst selbst ins Bodenlose zu fallen und die Angst dann den infamen Schikanen der ARGEN ausgesetzt zu sein.
Dort besteht Handlungsbedarf. Den Überflüssigen ein Überleben ohne Angst zu ermöglichen. Ein Leben ohne Angst auch den Arbeitnehmern - gemeint sind selbstverständlich seriöse Arbeits- und keine Scheinarbeitsplätze. Das aber will der "Arbeitführer" nicht. Daß seine sozialdemokratischen Vorgänger nicht anders waren macht die Sache nicht besser.
PS.: Handy wegschmeißen? Ich meine nein, es ist nun mal da. Daß man als Konsument allerdings sehr genau achten sollte, unter welchen Bedingungen produziert wird, wie die Arbeitsplätze aussehen, wie hoch der Anteil der Tagelöhner vom Zeitarbeitsstrich ist, daß man gerade bei landwirtschaftlichen Produkten sehr genau hinschaut, ob nicht nur die Hühner artgerecht gehalten werden sondern vor allem die Arbeitsbedingungen der Landarbeiter menschenwürdig sind, das sollte zur Selbstverständlichkeit werden.
Davon allerdings sind wir noch weit entfernt. VerLIDLung der Arbeitsplätze allerorten. Und gelangweilt wird sie noch(?)hingenommen.
Vor allem auch deshalb, weil Millionen von "Nokianern" in der Vergangenheit und Gegenwart immer und immer wieder jene Parteien wählten und ganz offensichtlich auch weiter wählen(siehe letzten Sonntag), welche immer mehr "Nokianer" zu Entlassenen, Armen oder armen Arbeitenden, "Zeitstrichern" etc... macht, weil noch immer viele "Nokianer" fest verbandelt sind mit einer korrupten "SPD" -u. oft gleichzeitig auch ebenso korrupten Gewerkschaftsbürokratie, deren im Auftrag des Kapitals durchgepeitschte Politik auf vielerlei Arten abwinkt, durchwinkt, besonders auch bei Wahlen.
Auch deshalb, weil für viele festangestellte "Nokianer" bisher ungleicher Lohn für gleiche Arbeit, Rechtlosigkeit und soziale Unsicherheit für viele "Kollegen", welche keine normalen Tarif -u.Arbeitsverträge in der Tasche hatten und haben oft - achselzuckend!! - "normal waren, man auch verschämt wegschaute, wenn diese "Kollegen" von einem Tag auf den anderen auch mit dem Segen von Betriebsräten und "Gewerkschaften" vor die Tür gesetzt wurden.
Von Solidaritätskundgebungen, gar Solidaritätsstreiks ist jedenfalls bisher kaum was vernommen worden....
Und wenn es nun diese echten, strammen, bisher meist so unsolidarischen, oft "gewerkschaftlich", oft auch "SPD" gebundenen .. "Nokianer" trifft, soll das ganz Land "aufstehen", sollen, wie in diesem Fall, alle Handys in die Tonne gehauen werden, Produkte dieses Unternehmens boykottiert werden?
Es soll also mit Leuten Solidarität geübt werden, welche selbst niemals mit anderen, schlechter gestellten "Kollegen" Solidarität übten?
So eine Forderung ist in meinen Augen einfach weltfremd!
Wer besonders von den "kleinen Leuten" dieses System bejaht und unterstützt - z.B. auch auf den Wahlzetteln - sollte sich nicht wundern, wenn er mal selbst unter die Räder kommt.
Die Herren des Kapitalismus lieben und schätzen sehr wohl Klassenverrat, aber nicht unbedingt deren persönliche Träger, sprich: "Nokianer"!
Ganz und gar unsolidarische Grüße von Hansi