< Die Lieder des Krieges | Österreichs Muslime verurteilen den Terror - will jemand so was wahrhaben? >
Funkposten Madeleine - Teil 2 und Schluss
Noor wird zur Agentin ausgebildet, springt mit dem Fallschirm über dem besetzten Frankreich ab, wird verraten, in Dachau ermordet und nach dem Krieg mit den höchsten englischen und französischen Kriegsauszeichnungen geehrt. Ihr Wunsch, dass es in diesem Krieg hochdekorierte indische Soldaten geben möge, hat sich erfüllt - sie war nicht die Einzige. Ihr Wunsch, dass dies zur Verständigung zwischen Briten und Indern führen möge, nicht. Dies bezeugt die bisherige Geschichte des indischen Subkontinents und - als neuestes, aber sicher nicht letztes - das Massaker von Mumbai.
Der Offizier, der dieses Gespräch führt, lässt sie nicht im Unklaren darüber, dass „Funker“ der gefährlichste Posten in einem solchen Netz ist, und dass die Funker zum Zeitpunkt des Gesprächs eine immense „Ausfallrate“ haben, sie somit ein hohes Risiko auf sich nimmt, diesen Einsatz nicht zu überleben.Sie hört sich die Ausführungen an und akzeptiert sofort. Ihr Gesprächspartner wird später über sie schreiben, dass ihre ruhige, klare und gelassene Art ihn so fasziniert habe, dass er für sich einen Grundsatz außer Kraft gesetzt habe, von dem er sich sonst bei seinen Personalentscheidungen immer erfolgreich habe leiten lassen: Kandidaten, die ein solches „Himmelfahrtskommando“ sofort ohne Bedenken akzeptierten, immer auszusondern, da man ihnen immer zweifelhafte Motive unterstellen müsse.
Nachdem sie akzeptiert hat, wird sie - um nach „außen“ eine Geschichte zu haben - zu einer Transporteinheit versetzt und absolviert in Schottland ein hartes Training: zu einer Funktechnik-Spezialausbildung kommen die Fallschirmspringer-Ausbildung, Durchschlage- und Überlebenstraining - bei dem sie so hervorragend radfahren lernt, daß sie sich ein Strafmandat wegen Geschwindigkeitsübertretung einhandelt - sowie eine Einzelkämpferausbildung.
Als sie nach Abschluß ihrer Ausbildung gebeten wird, ihre Entscheidung nochmals zu überdenken, gibt der am Anfang dieses Artikels stehende Vers aus der Bhagavad-Gita den Ausschlag, und im Sommer 1943 springt sie mit dem Fallschirm über Frankreich ab.
Im übrigen hatte sie durchaus von Familienglück und Kindern geträumt, doch vor Einsatzbeginn löst sie schweren Herzens, doch kurz entschlossen ihre Verlobung.
In Paris nimmt sie den Kontakt mit der Gruppe auf, der sie zugeteilt ist - und übersteht eine Verhaftungswelle der Gestapo, bei der fast die gesamten Agenten des Großraums Paris verhaftet werden. Von Stund’ an ist sie auf sich alleine gestellt. Ein Angebot aus London, sie unverzüglich auszufliegen, lehnt sie ab mit der Begründung, sie sei ihres Wissens in ganz Frankreich der einzige überlebende Funker.
Das ist sie zu diesem Zeitpunkt auch wirklich - und mehr noch: als sie im Kontakt mit der französischen Résistance feststellt, dass dort niemand mehr in der Lage ist, den Funkkontakt zum Hauptquartier von General de Gaulle in London zu halten, übernimmt sie auch diese Aufgabe, und für die gesamte abschließende Vorbereitungszeit der Landung in der Normandie ist „Funkposten Madeleine“, so ihr Deckname, die einzige Verbindung des Londoner Alliierten Hauptquartiers in London
ins besetzte Frankreich.
Mit Recht kann gesagt werden, daß ohne sie die gesamte Alliierte Landung in der Normandie, wenn überhaupt, wesentlich später unter wesentlich größeren Schwierigkeiten stattgefunden hätte.
Für Noor bedeutet diese Aufgabe ein Leben in Einsamkeit, Angst und Isolation, mit wenigen Vertrauten und der Notwendigkeit, fast täglich Aufenthaltsort und Aussehen zu wechseln, ihr schweres Funkgerät ohne Hilfe und ohne Verdacht zu erregen durch Paris zu schleppen, und nachts oder am Tage auch auf Bäumen herumzuklettern um die Funkantenne dort anzubringen.
Das von Familie und Freunden als schüchtern und unsicher beschriebene Mädchen entwickelt eine erstaunliche Kaltblütigkeit: als zwei deutsche Soldaten in der Métro einen Flirt mit ihr mit den Worten einleiten: „Was schleppen sie denn hier mit sich herum? Ist das etwa ein Funkgerät?“, packt sie, die zu dieser Zeit schon gesucht wird, mitten in der U-Bahn ihren Kasten aus - die Großmäuler erkennen das Funkgerät nicht. Einige Tage später, als sie gerade versucht, die Antenne ihrer Funkeinrichtung an einem Baum zu befestigen, versucht ein deutscher Offizier mit ihr anzubandeln und fragt, ob er ihr helfen könne. Er glaubt, sie wolle lediglich BBC hören - auch das ist im besetzten Frankreich streng verboten und mit schwerer Strafe bedroht.
Im Oktober wird sie dann schließlich von der Schwester eines Kameraden für eine lächerliche Summe - einige Quellen sprechen vom Gegenwert von einhundert Reichsmark - verraten.
Zunächst wird sie im Hauptquartier der Gestapo in der Avenue Foche gefangengehalten und verhört, hier noch erstaunlicherweise mit den Privilegien eines gefangenen feindlichen Offiziers, denn sie ist mittlerweile in die Offizierslaufbahn aufgestiegen und zum Oberleutnant befördert worden. Nach zwei Fluchtversuchen wird sie als „besonders gefährlich“ eingestuft und zunächst in ein Gefängnis nach Pforzheim gebracht mit dem Befehl, sie strikt von den anderen Gefangenen zu isolieren, anzuketten und unter keinen Umständen mit ihr zu sprechen, ja, ihre Wärter hatten den Befehl, sie nicht einmal anzusehen - so groß scheint die Angst vor ihrer Ausstrahlung gewesen zu sein.
Als sie erneut vernommen wird, nutzen ihre Vernehmer dort, die sich im übrigen bei einem Prozeß 1946 in Hamburg auch für ihren Tod zu rechtfertigen haben, die Gelegenheit, sie nach dem Hintergrund ihrer Taten zu fragen, und zum ersten Mal spricht sie ausführlich darüber. So erfahren die Schergen und Handlanger des Dritten Reiches mitten im Krieg etwas über Sufismus, den Tauhid und Gott. (In späteren Prozessen und Interviews werden sie davon berichten.)
Als sie im Rahmen dieser Vernehmungen gefragt wird, wie sie, indischer Herkunft und geprägt von indischen Traditionen, sich angesichts des indischen Freiheitskampfes dem Britischen Empire habe zur Verfügung stellen können, antwortet sie, falls sie diesen Krieg überlebe, werde sie sich eben jenem Freiheitskampf anschließen.
Im Juli 1944 ergeht der Befehl, sie zusammen mit vier gleichermaßen als gefährlich eingestuften feindlichen alliierten Agentinnen nach Dachau zu überstellen und alle fünf Frauen dort zu exekutieren. Der entsprechende Befehl führt sie übrigens als „Nora Baker“. Per bürokratischem Vorgang dem Tode geweiht, kommt sie mit den anderen in Dachau an und wird hier zum ersten Mal gequält, gefoltert, geschlagen.
Die Umstände ihres Todes bleiben im Dunkeln; nach einigen Berichten wird sie mit den anderen „ordentlich“ erschossen, nach anderen Berichten hat man sie totgeschlagen.
Ihre Freundin und spätere Biographin Jean Overton Fuller und ihr Bruder Vilayat haben zu Kriegsende jeweils den gleichen Traum: Sie kommt ihnen in ihrer Uniform entgegen, lächelnd, umgeben von Licht, und sagt: „Ich bin frei!“ Jean und Vilayat besprechen den Traum. „Sie ist frei“; sagt Jean, „Nein,“ sagt Vilayat, „sie ist tot!“
1949 verleiht König Georg ihr posthum den höchsten britischen Kriegsorden, das Georgskreuz, und erhebt sie mit der Ernennung zum Member Of the British Empire, also zum Ritter, in den Adelsstand.
Ein Jahr später verleiht ihr der nunmehrige Präsident Frankreichs, Charles de Gaulle, das Kriegskreuz mit Goldmedaille, die höchste Kriegsauszeichnung in Frankreich.
Oways Qadri, Qasidah-e-Noor, das Lied vom Licht
Von ihrem Wirken tief beeinflusst, wird ihr Bruder später schreiben:
Heute, da unzählige Millionen den Luxus oder zumindest den Komfort genießen, der dem Geschenk des Friedens folgte, müssen wir uns immer wieder klarmachen, dass wir dies einigen wenigen verdanken, die aus Liebe zu uns unvorstellbare Leiden auf sich nahmen. Man erinnere sich der Worte Pasteurs:
Ich frage nicht danach, wo du herkommst, sondern danach, welchen Schmerz du hast.
Tags für diesen Artikel: antiislam, antisemitismus, buddhismus, d-day, dachau, de gaulle, folter, frankreich, funker, geheimagent, geheimdienst, großbritannien, heldentum, interreligiöser dialog, invasion, islam, sufismus, tod
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