Die Süddeutsche oder besser Christoph Hickmann und Susanne Höll leiden scheinbar ehrlich mit ihm:
Dass da ein Mann nicht mehr in der Lage und wohl auch nicht mehr willens war, all das herunterzuschlucken, was in ihm gärte. Dass Kurt Beck irgendwann herausplatzen würde mit seinem Ärger, seiner Wut auf all jene, die er schon so lange im Verdacht hat, es auf ihn abgesehen zu haben. Die ein Spiel spielen, das er nicht mitspielen will, so sagt er das. Man hat den ganzen Tag über fühlen können, dass er kommen würde, dieser Ausbruch eines Mannes, der nur noch ein Ventil sieht für seinen Druck: raus damit, sofort.
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Dann aber, als alle schon wieder draußen stehen, fragt einer den Firmengründer Bauer sinngemäß, ob Herr Beck und seine SPD eigentlich etwas falsch machten. Die Frage ist noch nicht fertig gestellt, als Beck sagt: "Schreiben Sie einfach, Beck macht alles falsch." Wobei, er das nicht einfach sagt, er drückt es aus sich heraus, mit Wucht. Schon da wird klar, wie sehr es in ihm rumort. Er gehe sich jetzt ein Wasser holen, sagt Beck noch. Dann könne Herr Bauer frei antworten.
Kurt Beck ist gekränkt, tief gekränkt nach den heftigen innerparteilichen Auseinandersetzungen der vergangenen Monate. Nach den miserablen Umfragewerten, für ihn selbst, aber auch für die SPD. Ihn kränkt die Häme, mit der eigene Leute über ihn reden, ihn kränkt das - wie er meint - verzerrende, herabsetzende Bild, täglich neu gedruckt und gesendet.
Im Grunde genommen hat Beck die richtige Antwort gegeben. Er kann es einfach nicht. Er ist kein Parteivorsitzender, außerhalb seines Ländchens ist er die sprechende Hecke. Jemand den niemand ernst nehmen kann, weil Beck keine Position hat. Eine dicke zugewachsene Hecke die das Fähnchen im Wind spielt und doch so fest in seinem Kuhdorf verwurzelt ist, dass er überall wie ein Fremdkörper wirkt. Er ist diese Art von Jagdhund bei dem es auch nichts nützt wenn man ihn zum jagen tragen würde. Er könnte das flüchtende Wild nur schläfrig machen.
Am späten Mittwochabend dann, in der Wasserburg, sitzt er am Tisch, hat gegessen und lange geredet. Es ist auch um die SPD gegangen, natürlich; und er hat geantwortet. Doch nun kommt es zum Eklat. Ein Journalist stößt hinzu, er stellt leicht ironisch eine Frage nach dem Zustand der SPD, ohne dass er dem Gespräch zuvor zugehört hatte. Und aus Beck bricht es heraus: Er beklagt, was er den ganzen Tag beklagt hat; es geht wieder um das Zerrbild, das man von ihm zeichne, um fehlenden Respekt, ja um Herabwürdigung - und darum, dass er sich all dies nicht mehr bieten lasse.
Er wird so laut, dass alle es hören und still werden. Es ist die Potenzierung all jener Gereiztheiten des Tages, die sich bündeln in diesem Ausbruch. Alle schweigen, während Beck weiterredet und beinahe den Eindruck macht, als sei er froh, dass es nun raus ist. "Jetzt ist es passiert. Und ich habe es bewusst gemacht", sagt Kurt Beck abschließend.
An dieser Stelle zeigt er genau was er ist. Er ist wie jener junge Türke der einen anderen Türken ständig gegen eine Ladenscheibe schubst und nach der zweiten Ermahnung völlig fassungslos ist wenn man ihm einen knallt und ihn zu seinem Vater bringt, damit er den 23jährigen Rotzlöffel erzieht, der dann auch noch Respekt verlangt. Respekt muss man sich verdienen. Kurt Beck verdient keinen Respekt. Er heult sich durch sein Leben als Parteivorsitzender.
Nachdem die SPD den Genossen der Bosse glücklich losgeworden ist, und Müntefering endlich auch die Klappe hält, wäre der Zeitpunkt günstig gewesen einen Sozialdemokraten zu wählen. Das mögen die Genossen auf dem Parteitag wohl auch im Sinn gehabt haben. Aber sie bekamen ein weinerliches Weichei ohne auch nur die Spur einer eigenen Position. Eine Qualle hat mehr Substanz.
Wenn Schröder, Struck, Clement, Müntefering, Riester und all die anderen Neoliberalen die SPD weitgehend ruiniert hatten, dann hat Beck ihr den Todesstoß versetzt. Er hätte sich auch einen Tinitius nehmen sollen, oder er hätte Führung beweisen müssen. Das Lämmchen im Gewand eines ausgewachsenen Gelbviehbullen konnte doch nicht ernsthaft erwarten, dass ihm die Struck. Steinbrück und Steinmeier zuarbeiten. Diese drei S die das große Weh der SPD sind.
Wenn der Beck diese drei Totengräber der SPD nicht in den Griff bekommt ist er falsch. Er bekam sie nicht in den Griff. Kaum hatte er ein Wort gesagt, war er wieder der Dumme. Der Dumme wird er bleiben, egal wann er die Brocken hinschmeißt. Die drei S sind ihm über, die rauchen ihn dreimal täglich in der Pfeife, besohlen ihm die Schuhe und waschen ihm die Socken ohne das er es mitbekommt.
Man muss Beck attestieren, dass er seine Sache in Rheinland-Pfalz gut macht. Es gibt Pannen, es gibt Stolpersteine, Behäbigkeit und jene Arroganz, die nun einmal einhergeht mit absoluten Mehrheiten. Aber im Großen und Ganzen läuft es, auf jene Art eben, mit der Beck das ehemalige CDU-Land seit mehr als 13 Jahren bislang so unangefochten regiert hat: ruhig, bedächtig, möglichst viele zufriedenstellend und möglichst wenige vergrätzend. Mit der Landes-SPD funktioniert das ähnlich: Zumindest nach außen tritt sie weitgehend kollegial und geschlossen auf.
"Meine Hoffnung war, dass man in Berlin auch so etwas hinkriegen würde", sagt Beck. Das klingt fast verbittert. Doch er werde nicht aufgeben: "Resignativ bin ich nicht." Wer glaube, er werde sich ändern, habe sich getäuscht. Und dann hat er noch eine Botschaft vor der Sommerpause, die für seine SPD in diesem Jahr turbulent werden könnte: "Beugen, das muss man sich nicht."
Egal wie toll er seine Sache in Rheinland-Pfalz angeblich auch gemacht hat. Wer in Mainz zum Grafen taugt, ist in Berlin vielleicht nicht einmal gut genug Pferdeäppel aufzulesen. Er wollte mit den großen Jungs spielen und hat nicht ein einziges Mal den Ball bekommen. Das was er als Häme empfindet, sind die Rufe die nichts anderes bedeuten als "Aufhören Beck, aufhören. Sie sind unerträglich. Beck. Aufhören!" Aber er hört die Worte nicht, will sich nicht beugen.
Dabei hängt er da in den Seilen wie ein Hampelmann und das dreifach Weh der SPD zieht einfach mal so zum Spaß. Zappel Beck. Zappel. Natürlich sollte man Mitleid mit ihm haben. Menschlich. Aber schon meine Großmutter sagte immer: "Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.". So gründlich wie Beck unter die Räder gekommen ist, haben wir das bis vielleicht auf Rainer Candidus Barzel nie erlebt in diesem Land.
Er ist aber nicht der Ritter von der traurigen Gestalt, sondern eher Hans Großmaul das an einen falschen Ort gekommen ist. Mittlerweile ist es egal wo er hinkommt. Er ist überall falsch. Der Fall Beck ist erledigt, die Frage ist nur wieviel SPD er noch zerstört bevor er sich endlich zurückzieht und seine Pensionen verfrisst. Aber eigentlich ist auch das egal. Die SPD stellt ja wie Beck keinen Wert mehr da. Spannend wird es nur zu sehen wie die drei Weh zusammen rechtzeitig in die Arme ihrer neoliberalen Kameraden kommen, ohne das ihr Verrat allzu offensichtlich wird.


















