21. Hehlersterben
Wer nicht handelt,
wird behandelt
Rainer Barzel
Heute war wieder so ein Tag, an dem Schillke mit Frau und Tochter gemeinsam auftreten musste, um eine glückliche, erfolgreiche Familie zu mimen. Daher blieb ihm nichts übrig, als die abwertenden Bemerkungen der beiden beim Frühstück stoisch zu ertragen.
Eine Benefiz-Veranstaltung des Hamburger Sport, Spaß und Family-Clubs stand bevor, und Roger konnte sich nicht zurückziehen wie sonst. Neben Benno von der Lohe würde die Hamburger Szene der Reichen am Rothenbaum sein und sich redlich bemühen, einander in die Pfanne zu hauen. Wenn er an Benno dachte, krampfte sich sein Magen zusammen. Nie durfte dieser erfahren, dass Roger bei der Bildergeschichte an einigen Punkten auf Zwischenstationen verzichtet hatte, um die Kosten dafür in die eigene Tasche umzuleiten. Er würde handeln müssen.
14.März 2006 Kuala Lumpur 7 Uhr 11 Ortszeit
So viel Großzügigkeit hatte Suresh Singh von Rechtsanwalt Schillke nicht erwartet. Nach den Medienberichten überall auf der Welt war es ihm in seiner Heimat im australischen Broome und im gesamten Südpazifik zu ungemütlich geworden. Als der Deutsche ihn in sein Ferienhaus in Mallorca einlud, sagte er erleichtert zu. Morgen würde er sich in Hamburg die Schlüssel abholen und im neuen Domizil in aller Ruhe abwarten, bis der Sturm vorbei war. Sicherlich würde er einigen seiner Kunden ihr Geld zurückgeben müssen. Aber auch da wollte Roger Harry Schillke großzügig sein.
14. März 2006 London 8 Uhr 15
In London betrat Lord Brigham gerade seinen Club, als ihn ein hoher Vertreter von Scotland Yard zur Seite nahm und ihm riet, das Land für eine Weile zu verlassen. Ein ebenso reicher wie spleeniger Sammler wollte sich nämlich nicht damit abfinden, mit falschen Bildern um ein Vermögen gebracht worden zu sein. Weil er damit der allgemeinen Lächerlichkeit preisgeben war, erstattete er Anzeige gegen Brigham, der den nächsten Autozug durch den Eurotunnel bestieg. Er fuhr aber nicht weiter nach Frankreich hinein, sondern in die Niederlande, in der unauffällige Menschen kaum von der Polizei belästigt wurden.
14.03.2006 Medelin 8 Uhr 20 Ortszeit
Pablo Murillo fiel von einem Wutanfall in den nächsten. Dabei war er sonst so ein besonnener Mann. Ihm allein war es zu verdanken, dass das Cali-Kartell nicht, wie die meisten Beobachter glaubten, in viele kleine unabhängige Gruppen zerfallen war. Er hatte so geschickt geführt, dass die Operationen heute fast geräuschlos liefen und weder die kolumbianische Politik noch die Staaten Grund hatten, sich mit ihm anzulegen.
Den Amerikanern war selten zu trauen. Besonders vor Präsidentschaftswahlen konnte es vorkommen, dass sie eine illegale Aktion gegen die Drogenbarone starteten, um davon abzulenken, das ihre eigenen Bürger gegen die Gesetze verstießen, weil sie einem netten Hobby frönten. Aber er war stets mit ihnen zurecht gekommen.
Pablo Murillo fühlte sich weder für die Drogentoten in den USA verantwortlich noch für die Beschaffungskriminalität. Wäre kein Kokain mehr erwünscht, würde er auch keines liefern. Nachdem er weltweit an Kundschaft zulegte, bestand diesbezüglich keine Gefahr. Die vermeintlichen Gewinner der Globalisierung kitzelten auf ihren Partys die Nasen mit seinem Kokain und die Verlierer rauchten Crack. Für ihn war es egal, ob Gewinner oder Verlierer. Sie waren alle Abnehmer.
Jetzt hämmerte Murillo mit den Fäusten in die Kissen seines Sofas. Wie hatte es Baron Ferdinand von Schulenburg-Schwarzenstein wagen können, ihn zu betrügen! Nicht so sehr schmerzte ihn, dass er hintergangen worden war und finanzielle Verlust horrend war. Das Schlimmst war, dass er seine Ehre verloren hatte! Die Freunde, denen er seine Bilder gezeigt hatte. Wie konnte er vor denen jemals noch bestehen? Er hatte keine Wahl, er musste ein Exempel statuieren. Ein Fanal für seine Ehre errichten.
Bisher hatten seine Leute es nur geschafft, den Geliebten und die Schwester des Barons zu schnappen. Die hatten selbst unter der Folter nicht preisgegeben, wohin er geflüchtet war.
Es war eine kleine und unbefriedigende Rache gewesen, die beiden als lebende Fackeln durch den Ort laufen zu lassen. Das Haus des Barons niederzubrennen, brachte auch keine Entspannung. Er musste ihn persönlich haben. Pablo Murillo brüllte vor Zorn.
14. März 2006 Wien 10 Uhr 15
Tatijana hatte mehrere Recherchedienste damit beauftragt, das Internet und die Medien in den Ländern zu überwachen, deren Sprachen sie nicht beherrschte. Sie beschäftigte sich damit, ihre Fühler bis in die letzten Winkel der restlichen Welt auszustrecken. Alle Erkenntnisse, die sie gewann, speiste sie über ihr Notebook in den Berliner Server ein, der alle Neuigkeiten sofort an das gesamte Team und einige Polizeidienststellen weitergab.
Die Arbeit war langweilig. Sie fühlte förmlich, wie sie vereinsamte. Huber war mit der Störchin und anderen Fällen beschäftigt. Helga musste sich um Drago kümmern. Der Reichsgraf war in Japan und sowieso unempfänglich für ihren Liebesdurst.
Nixon trieb sich in Israel herum und die russische Gemeinde in Wien bot so recht auch nichts, was sie interessiert hätte. So konnte es nicht weitergehen.
Vielleicht würde ein Besuch in der Kaiserstrasse-Ecke Neustiftgasse im „Suspekt“ sie ein wenig aufheitern. Diese Cocktailbar war ein echtes Novum. Nicht Bordell, nicht Swingerclub, kein Anmachschuppen. Aber von allem etwas. Besonders die hinteren Gefilde hatten es ihr angetan, nachdem sie einmal mit einem Bauunternehmer und seiner Frau dort gewesen war. Außerdem wurden die Idioten unter den Männern hart selektiert. Aber zunächst hatte sie noch zu tun.
14. März 2006 Wien 11 Uhr 06
Tschikowski schien ein neuer Mensch geworden zu sein. Huber war ganz begeistert davon, dass die Abmahnung die Situation nicht verschlechtert hatte, sondern geradezu verbessert. Ein interessierter und engagierter Tschikowski war leichter zu ertragen als der üblich Angefressene. Außerdem hatte es zur Folge, dass Akten und Informationen im Computer endlich auf dem neuesten Stand waren. Tschikowski schluckte geradezu alle einlaufenden Informationen und gab sie mit ungekannter Präzision in das System ein. Vielleicht war das ja die Aufgabe, für die er geboren war, hoffte Huber.
Die Störchin konnte das Verhalten des jungen Kommissars nicht einordnen, doch ob er ihr freundlich oder unfreundlich begegnete, spielte für sie keine Rolle.
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie Huber betrachtete. Er war richtig süß. Ständig darum bemüht, sie zu mästen und dass es ihr gut ging. Er bombardierte sie nicht mit neugierigen Fragen nach ihren Freizeitvergnügungen, obwohl im Kommissariat darüber getuschelt wurde.
Es gab vermutlich kaum Leute im Polizeidienst, die Reiki machten. Die Störchin überlegte, ob sie Franz Huber nicht einmal zu einem Schamanenabend mitnehmen sollte.
So recht konnte sie ihn sich nicht beim Tanzen um den Feuerkreis vorstellen. Nein, sie hatte keine Angst um seine Psyche beim Trancedance, aber sie vermutete, Hubsi war viel zu fest mit dem Boden verankert, um in Alphazustände gelangen zu können. Da wäre die Schwitzhütte schon eher sein Ritual.
Mit ihm zusammen darin zu sitzen, in dunkler Wärme, die die Gebärmutter von Mutter Erde symbolisierte, könnte eine völlig neue Erfahrung sein. Hoffentlich vertrug er die Hitze und die Aufgüsse. Prüde schien er auf jeden Fall nicht zu sein. Er genoss sichtlich die Ungezwungenheit der kleinen Russin, die immer mindestens um zwei Punkte zu freizügig gekleidet war.
Sie konnte ihn verstehen. Tatijana sah entzückend aus und noch imponierender war, sie reagierte höllisch schlau und schnell. Die Störchin hätte sie gerne einmal in einer Kampfsituation gesehen. Nach den Schilderungen der anderen war das ein unvergessliches Erlebnis. Gedankenversunken knabberte sie an dem Apfelstrudel, den Huber ihr serviert hatte.
„Was hast denn?“, fragte er sie zärtlich.
Sie schüttelte verlegen den Kopf.
14. März 2006 Berlin 11 Uhr 30
In Berlin fand eine der endlosen Sitzungen statt, die MM so hasste. Momentan schien er der Liebling der Politik zu sein. Der Zugriff bei der Wehrsportgruppe und die unheimliche Menge an Belastungsmaterial, die diese Helden geliefert hatten, würden Staatsanwaltschaft und Gerichte auf Jahre beschäftigen. Straftaten einzelner Mitglieder der Gruppe konnten durch gegenseitige Belastungen bewiesen werden, einige völlig unbekannte Delikte kamen zu Tage, dazu gab es Aussagen zu anderen Gruppen und sonstigen Verrat an Kriminellen aus der Neonaziszene.
Der Innensenator persönlich wandte sich zum Schluss privat an MM: „Mensch Mücke, das ist ja ein riesiger Erfolg. Tut uns vor den Wahlen richtig gut. Wäre schön, wenn Sie die Bildersache ebenfalls klären könnten. Ihr Freund, der Reichsgraf, ist da ja auch dran. Ist ja ein guter Mann, Sie waren schon ein gutes Team, als er noch bei der Polizei war, aber er ist eben die Insubordination in Person. Daran sollten Sie sich kein Beispiel nehmen, Kommissar Mücke.“ Er betonte das Wort Kommissar, als würde MM das je vergessen können.
„Ich doch nicht, Herr Innensenator. Wir richten unsere gesamte Polizeiarbeit darauf aus, Ihnen zu den Wahlen die richtigen Erfolge zu liefern. Dafür kürzen Sie uns dann prompt nach jeder Wahl die Mittel. Insubordination ist da kein Thema. Ich überlege, ob ich nicht Bombenbauer werde und das gesamte rote Rathaus in eine Erdumlaufbahn schicke.“
Bei Mückes sarkastischer Antwort zuckte der Innensenator schmerzlich zusammen. Zumindest hatte er ein Pressefoto mit dem erfolgreichen Kommissar ergattert. Lauter Diven, diese Leute. Sahen einfach nicht, dass die Mittel eben nicht mehr ausreichten. Es gab eben wichtigeres als Polizei und Schulen oder gar die Feuerwehr mit ihrem ewigen Gejammer. Die Industrie rationalisierte ebenso. Darüber würde er sich eine Rede schreiben lassen. Eine vorsichtige natürlich, eine verständnisvolle. Das konnte weitere Wählerstimmen bringen.
14. März 2006 Tokio 20 Uhr 10 Ortszeit
Johann genoss das Nachtleben in Tokio. Sato hatte die Yakuza zu einer Sitzung der Oyabun gezwungen, die relativ selten einberufen wurde, weil die jeweiligen Gumi in einem ebenso scharfen Wettbewerb wie die italienischen Mafiafamilien zueinander stehen. Die Zeiten hatten sich sogar in Japan gewandelt und formal war bereits die Mitgliedschaft in einem Gumi strafbar.
Von den sieben versammelten Herren wies nur einer die fehlende Fingerkuppe an der Schwerthand auf, die früher als gängige Strafe sehr viele Mitglieder der Yakuza für Außenstehende identifizierbar machte. Selbst die traditionellen Tätowierungen waren aus dem sichtbaren Bereich verschwunden. Würde Johann es nicht besser wissen, hätte man meinen können, es handelte sich bei den Versammelten um Manager irgendeines japanischen Konzerns, was sie in den heutigen Zeiten zumeist auch waren. Wenn sonst zwischen ihnen selten Einigkeit herrschte, diesem Gaijin Johann gegenüber würde man Geschlossenheit beweisen und den Gestank des Rundauges mit Geduld ertragen.
Der Reichsgraf gab sich keinerlei Illusionen bezüglich dessen hin, was die Yakuza von ihm hielten. Er hatte trotzdem vor, ihnen kräftig auf die Zehen zu treten. Das machte er jetzt schon zum dritten Mal und irgendwann würden sie sich daran gewöhnen.
Der älteste Oyabun neigte seinen Oberkörper zur Begrüßung nur so weit, dass es von jedem als Beleidigung seiner Gäste interpretiert werden musste und wies Johann und Sato, dem schmächtigen Polizisten, der den offiziellen Charakter des Besuchs signalisierte, Stühle an einem Konferenztisch zu. Schlechte Plätze, denn sie mussten mit dem ungeschützten Rücken zur Tür sitzen.
Der älteste Oyabun ergriff mit unbewegter Miene das Wort: „Ich freue mich, unseren verehrten Gast aus dem Ausland begrüßen zu können, obwohl ich von der Heftigkeit seines Wunsches nach diesem Treffen überrascht und ...“
„... wenn ich auch ein schlechter Lügner bin, so bemühe ich mich nicht zu zeigen, wie sauer ich bin. Hier geht es nicht um Freundlichkeiten, es geht ums Geschäft. Sie wollen mich schnellstmöglich loswerden und ich kann mir bessere Gesellschaft vorstellen“, nahm Johann den Ball auf.
„Warum sollten wir mit einem so unhöflichen Gast überhaupt ein Gespräch führen?“, kam der schnelle Konter des Oyabun.
Johann grinste die Herrschaften fröhlich an. „Weil sich ansonsten mein Freund Sato hier mit einer großen Menge an Beweismaterial befassen müsste, das ihm bisher nicht vorliegt und weil Sie Versicherungen brauchen. Versicherungen wie die, für die ich arbeite. Sollten Sie nicht kooperieren, werden Verträge gekündigt und nur zu horrenden Summen neu zu haben sein. Wenn eine Versicherung anfängt, ihre Risiken höher zu bewerten, werden die anderen wegen der Rückversicherer folgen. Kurzum, geben Sie mir die Informationen, die ich haben will.“
„Wir können Ihnen nichts über die Bilderdiebstähle sagen. Keine unserer Gumi war in diese Taten verwickelt. Was also wollen Sie?“
„Natürlich waren Sie nicht verwickelt. Das sagen auch meine Ermittlungen. Aber wenn in Japan drei Überfälle auf Privatsammlungen und zwei auf Museen stattfinden und die Yakuza nicht beteiligt ist, dann sagt mir das auch etwas. Entweder sind die Yakuza zahnlos geworden ...“
Ein jünger Oyabun wollte aufbegehren, wurde jedoch von den anderen zur Ordnung gerufen.
Johann setzte ungerührt fort: „Entweder sind die Yakuza zahnlos geworden, oder die Operationen wurden von jemandem durchgeführt, der den Yakuza bei ihren Geschäften außerhalb Japans gefährlich schaden könnte, sodass sie die Überfälle hier lieber tolerieren.“
Nun übernahm ein energisch aussehender jüngerer Oyabun das Gespräch: „Es bringt nichts, wenn wir uns hier gegenseitig beschimpfen, Graf. Niemand von uns ist ehrlos und Ihr Verdacht ist richtig. Kommen Sie morgen Abend um 22 Uhr in den Club der Purpurkatzen und seien Sie während der Show mein Gast. Dort erhalten Sie die entsprechenden Unterlagen. Auch jene über uns bekannte japanische Kunden der Fälschungen.“
„Das ist alles, was ich wollte“, antwortete Johann und die Verneigung der Versammelten fiel beim Abschied deutlich höflicher und förmlicher aus.
14. März 2006 21 Uhr 06
Tatijana vermeinte gerade vor Langeweile zu sterben als Gregory, ein Mitglied der russischen Gemeinde anrief. Ein wahrer Adonis, aber leider stockschwul. Dieser Russe, der aus seinem Gregory einen Tschortsch gemacht hatte, wollte sie dringend treffen, um ihr ein paar Informationen gegen Bargeld zu geben. Nachdem sie die Nase vom Internet ohnehin voll hatte, bat sie ihn, ins Kellerstöckel in der Neustiftgasse zu kommen. Schnell sprang sie in die Klamotten, vielleicht war ihr doch noch ein reizvoller Abend vergönnt.
Zunächst genoss sie ein zartes Filetsteak. Der Anblick des glücklich kauenden Russen rührte sie. es war schwer für die jungen Ausländer. Ohne Geld und wirkliche Chancen versuchten sie sich als Tänzer dort zu verwirklichen, wo ihre Lebensführung nicht so weit von den Normen entfernt war. In Russland konnten Leute wie Onkel Pjotr zwar mehrere Minderjährige zu ihrem Vergnügen besitzen und gebrauchen, aber Schwule galten als Aussätzige.
Das Essen und die fünfhundert Euro für den Russen hatten sich gelohnt. Er nannte nur einen Namen: Hassan Gegoriwitsch Rosskoie. Er leitete eine Malschule nach alter Art in der Gegend von Kunzewo bei Moskau, in der ehemaligen Datsche seines Vaters, der ein Wirtschaftsfunktionär unter Breschnew gewesen war.
Tschortschs Freund studierte dort Kunst und hatte von sklavischer Wiederholung immer gleicher Bilder berichtet. Er litt darunter, große Meister endlos kopieren zu müssen, statt eigene Werke zu malen.
Tatijana war zufrieden, speiste die Information über ihr Handy ins System ein und schickte eine Mail an Sergejewitsch Sminakov, um dessen Geheimdienstlern ein Ziel zu geben.
Nachdem Tatijana und Tschorsch sich verabschiedet hatten, fühlte sie die Einsamkeit wieder aufkeimen.
Entschlossen spazierte Tatijana dick eingewickelt in ihren Plüschmantel die Neustiftgasse entlang bis zur Ecke Kaiserstrasse, wo sie das Suspekt betrat und sich in der Bar auf einen der Hocker mit den roten Plüschbezügen setzte, der ihr freien Blick auf die beiden Achsen der Bar erlaubte.
Sie bestellte einen doppelten Wodka ohne Eis, trank sie das Glas in einem Zug aus und orderte einen weiteren. Das stoppte die Männchen, die im Begriff waren, sich Tatijana im Anschleichgang zu nähern.
Sie liebte es, den Herrlichkeiten Bilder zu liefern, die nicht in deren Beuteschema passten, vor allem, es sich um Langweiler handelte.
„Nasdrowje!“, rief sie und lachte.
„Na, schöne Frau. Zum ersten Mal in Wien?“, versuchte der Barkeeper Konversation zu machen.
„Nein!“, wies Tatijana ihn grob zurecht. „Ich bin nirgendwo neu. Ich bin so alt wie die Sünde. Aber Sie können mein Glas noch einmal füllen.“
Ein Kavalier zu ihrer Rechten säuselte: „Das sieht man Ihnen gar nicht an. Das Alter meine ich.“
Er verstummte wieder, nachdem Tatijana als Antwort ihre rechte Augenbraue hochzog. Nein, da war heute keiner, der ihre Libido anregen könnte. Sie würde heimgehen und sich weiterhin dem Internet widmen. Gerade als sie zahlen wollte, betraten zwei Paare die Bar. Die Männer waren baumlange Farbige, die Frauen zierliche Phillipinas. Amerikanisches Militär, folgerte Tatijana.
Während die Frauen den Clubbereich aufsuchten, um alles Überflüssige los zu werden – sie waren bestimmt nicht zum ersten Mal hier, verankerten sich ihre Männer neben Tatijana an der Bar und bestellten von den grellbunten Cocktails. Dabei präsentierten sie ein österreichisches Deutsch mit tief texanischer Färbung, das genauso warmherzig klang wie die Typen aussahen.
Als ihre Frauen in freizügigen Korsagen aus schwarzer Spitze wieder zu ihnen stießen, bildeten die vier einen Kreis, der Tatijana einbezog. Damit signalisierten sie, dass sie erfahrene Swingerclubbesucher waren. Vielleicht meinte es das Schicksal doch noch gut mit ihr, hoffte Tatijana. Die jüngere Frau begann einen der beiden Männer zu streicheln. „Das ist eine schöne Bar und so offen für alles mögliche“, eröffnete sie das Gespräch.
Tatijana nickte. „Ja. Schön und offen. Aber was nützt es?“ Sie wies mit der Hand längs die beiden Seiten des Tresens.
Die ältere Frau lachte hell auf. „Das Problem können wir jederzeit lösen. Deshalb sind wir gerne zu viert unterwegs. Wenn sich nichts anderes findet, sind wir uns selbst genug.“
Tatijana spürte an ihren Blicken, dass Tom, Dick, Sara und Gretchen nicht abgeneigt waren. Die beiden Männer arbeiteten für eine amerikanische Agentur in Deutschland, die sie aber nicht näher bezeichnen wollten und die Frauen betrieben in Hamburg einen Blumenladen. In Wien waren sie, um die Lipizzaner zu sehen und einfach mal ein paar Tage Urlaub zu machen. Tatijana hatte die Hofreitschule schon mehrfach besucht. So ergab eins das andere und schnell war klar, dass sie einander mochten. Zu Fünft suchten sie ein Separee auf. Ein Wermutstropfen verdunkelte Tatijanas Vergnügen. Egal, mit wem sie zugange war, im entscheidenden Moment tauchte die Reichsgräflichkeit vor ihrem inneren Auge auf. Das machte sie derart heiß, dass ihre jeweiligen Sexpartner sich als Zampanos wahrnahmen. Tatijanas Leidenschaftlichkeit bestand zu einem großen Teil aus ihrer Wut über die ewige Zurückweisung durch Johann und so tobte sie orkangleich durch alle Betten, die sich ihr auftaten.
Körperlich befriedigt, aber seelisch am Boden verließ sie nach zwei Stunden den Club, nicht ohne zu versprechen, sich bei den Paaren zu melden, wenn sie wieder einmal in Hamburg wäre. Nett waren sie, fand Tatijana und wenn Johann so stur war, geschähe ihm recht, dass sie ihr Mütchen anderswo kühlte.
Zu Hause pfiff sie auf weitere Arbeit am Laptop und verkroch sich ins Bett.
15. März 2006 Hamburg 21 Uhr 00
Suresh Singh war vom Jungfernstieg zum Gänsemarkt spaziert. Er war zu früh am Treffpunkt, in der ungewohnten Hamburger Kälte fröstelte ihn. Wie besprochen hielt er sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom Block House auf, die weniger gut beleuchtet war. Er würde auf dem schnellsten Weg aus dieser Stadt verschwinden, sobald Schillke ihm die Schlüssel für sein Ferienhaus übergeben hätte. Singh brauchte die Wärme und vermisste Australien und Asien schon jetzt. Die Dunkelheit verursachte ihm Unbehagen, aber anstatt sich in den Lichtinseln der Straßenbeleuchtung zu bewegen, begab er sich tiefer in den Schatten.
Schillke hatte ihn beim ersten Vorbeifahren entdeckt und überprüfte zu seiner Sicherheit zweimal, ob Singh wirklich alleine war. Dann erst parkte er in der Gänsemarktpassage, überquerte die Fahrbahn und spazierte auf ihn zu. Singh breitete erfreut die Arme aus und erkannte mit Schrecken, dass der Rechtsanwalt eine Waffe aus dem Mantel zog. Er spürte den Einschlag des ersten Schusses, die beiden anderen trafen einen bereits Toten. Schillke ging, ohne anzuhalten, in Richtung Jungfernstieg, entsorgte die Waffe in der Binnenalster und aß auf dem Rückweg genüsslich ein Porterhousesteak. So einfach konnte er sich von seinen Sorgen befreien.
15. März 2006 Tokio 21 Uhr 15 Ortszeit
Johann und Sato bekamen im Club der Purpurkatzen Plätze mit vorzüglicher Aussicht auf die Bühne. Die Show wurde ausschließlich von Rundaugenfrauen gebracht, die bestenfalls als Sklavinnen japanischer Herrinnen fungieren durften und damit reine Objekte waren. Vermutlich sollte Johann damit die geringe Wertschätzung der Japaner für die Gaijin und ihre Frauen bewiesen werden.
Dabei vergaßen sie, dass dieses Spiel dadurch konterkariert wurde, dass die meisten der japanischen Herren von amerikanischen Gaijin Freundinnen oder Geliebten begleitet wurden, und die wenigen japanischen Frauen durch Operation oder geschicktes Schminken die typische Augenfalte zu verstecken suchten.
Johann fühlte sich nicht sonderlich solidarisch mit den amerikanischen Mädchen, die mit respektablen Silikonbrüsten und einer respektablen Portion Dummheit gehofft hatten, in Tokio Arbeit als Model zu finden. Wahrscheinlich war diese Art der Unterwerfung hier deutlich angenehmer für sie als das harte Leben in den USA. Wenn das Verblühen der Schönheit einsetzte, gab es die Botschaft, die Heimflüge organisierte.
Während sich Johann und Sato darüber unterhielten, brachte jemand zwei Ordner an den Tisch, in denen die geforderten Unterlagen inklusive englischer Übersetzung waren. Sie verließen die Purpurkatzen und suchten sich ein netteres Plätzchen, um ihre Beute auszuwerten.
In der Bar von Johanns Hotel begann Sato zu lachen. „Oh, oh, die Liste der Narren, die gekauft haben, ist ein Who is Who unserer Saubermänner. Bankenchefs, Automanager, ein Shinto-Priester, ein Mitglied der kaiserlichen Familie und und und. Das wird Staub aufwirbeln.“
„Müssen die jetzt alle zum Samuraischwert greifen und Seppuku begehen?“, fragte Johann, für den der Kauf gestohlener Kunst kein Grund für einen Selbstmord war.
„Nein. Die Yakuza haben sich verändert, so wie der Großteil aller Japaner. es gibt fast keine Samurai mehr. Der Rest ähnelt euren Wirtschaftsführern und Politikern. Gewissenlos, raffgierig und machtbesessen. Wenn sie erwischt werden, fangen sie an zu weinen und bedauern öffentlich. Natürlich bedauern sie nur sich selbst und nach ein paar Tagen geht es im alten Stil weiter. Jedenfalls wird es mir und meinen Kollegen Spaß machen, sie ein bisschen zu quälen, Johann-San. Deshalb danke dafür.“
„Dafür nicht, Sato-San. Faule Früchte verderben den Baum. Was mich wirklich umhaut ist der Nachweis, das Oreste Crispi als Drahtzieher für die Diebstähle hier in Japan genannt wird. Den hätte ich hier nicht vermutet. Ich dachte, der blutet immer noch Afrika und den nahen Osten aus.“
„Wir haben ihn hier schon länger auf dem Radarschirm. Er ist sogar einige Male in Tokio und auf den Inseln gewesen. Natürlich streng geschäftlich mit klaren Absichten. Wir haben Wanzen gepflanzt, bis wir seine Träume hören konnten, aber er hat sich keine Blöße gegeben. Leider hatte unser Geheimdienst keine Kapazität, ihn genauer in Augenschein zu nehmen. Die jagen mit den Amerikanern ja lieber die Iraker und suchen nichtvorhandene Waffen im Iran. Schließlich haben wir ja auch eine Rüstungsindustrie, die leben will.“
„Sato-San, ihr habt immerhin noch einen Geheimdienst. Unser BND ist eine Juxbude. Die könnte man zwar leicht losjagen, aber Crispi käme vor Lachen nicht mehr in den Schlaf. Mal sehen, vielleicht kann ich da andere interessieren. Zumindest ein Hinweis auf Organhandel im Bereich der ehemaligen Sowjetunion könnte ihm Gegner erwachsen lassen, denen er nicht gewachsen ist. Das bleibt abzuwarten.“
„Johann-San, ich wünsche dir einen guten Rückflug. Ich werde gleich meine Leute informieren und Haftbefehle besorgen. Die Aussagen gehen dir schnellsten zu.“
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