Die lauteste Behauptung ist noch
nicht der leiseste Beweis.
Sigmar Schollack
13. März 2006 Hamburg 16 Uhr 05
In der Neidmühle in Oevelgönne schaltete Benno von der Lohe von einem Kanal zum anderen. Überall der gleiche Mist. Schade. Es war ein nettes kleines Geschäft gewesen. Nichts auf dieser Erde ist eben von Dauer, philosophierte er. Er war nicht unzufrieden. Die meisten Bilder, die er haben wollte, besaß er. Die, die er noch nicht in seiner Sammlung hatte, konnte er stehlen lassen. Die Fälschungen hatten selbst nach Abzug aller Kosten ihrer Herstellung und des Vertriebes neben dem Aufwand für die Diebstähle mehr als dreihundert Millionen Nettoertrag gebracht. Steuerfrei. Ein hübsches Zubrot.
Es gab nur zwei Leute, die zu ihm führen könnten. Er griff zum Hörer, um einen von ihnen anzurufen. Am anderen Ende hörte er zuerst eine Frauenstimme, die unter der Peitsche ihren Schmerz hinausbrüllte. Dann ertönte die ruhige Stimme von Oreste Crispi: „Hallo?“
„Ein schönes Lied spielst du, Oreste, ich hoffe, auf einem wertvollen Instrument.“
Ein weiterer Peitschschlag mit nachfolgendem Schrei regte Benno zu verschiedenen Körperreaktionen an, er griff sich in den Schritt, es juckte.
Oreste lachte. „Wie man es nimmt. Eine hübsche Nubierin und die Peitsche führt eine Landsmännin von dir, Benno. Sie stammt aus einem deiner Fänge, wie ich glaube. Von Zeit zu Zeit lasse ich sie wechseln. Was kann ich für dich tun? Suchst du mal wieder eine junge Zigeunerin zu deiner Erbauung?“
„Nein, Oreste. Die muss ich hier nicht einmal fangen. Sie laufen mir aus Rumänien in beliebigen Mengen zu. Wenn ich sie leid bin, schickt die Polizei sie auf Rechnung der Steuerzahler wieder in ihre Löcher zurück. Das ist nicht der Grund meines Anrufes. Hast du heute ferngesehen oder die Zeitung gelesen?“
„Beides. Aber weshalb rufst du an? Das musste irgendwann kommen. Ich habe Anweisung gegeben, wie meine Leute mit Reklamationen umgehen sollen. Das wird viele fröhliche Erben schaffen, denen wir dann neue Dinge verkaufen können.“
„Ich denke ähnlich, Oreste. Ich habe leider ein zusätzliches Problem, wenn eventuell eine Beschwerde von einem meiner Mitarbeiter kommen würde. Vielleicht möchte er sich die Freiheit dadurch erkaufen, dass er mich opfert? Dagegen möchte ich mich versichern.“
„Du meinst deinen kleinen Folterknecht von Rechtsverdreher?“ Ja, das ist ein Problem, du kannst ihn schließlich schlecht damit beauftragen, einen Killer für sich selbst anzuheuern. So doof ist er auch nicht. Ich schicke dir zwei Teams. Die Kosten ziehe ich von deiner nächsten Lieferung ab. Ich habe übrigens eine Anfrage nach Maschinen für die Produktion sehr langer Kanonenrohre. Meinst du, du bist da wieder lieferfähig oder passen eure Behörden derzeit zu sehr auf?“
„Das mit den Teams ist nett. Danke. Du bekommst eine Liste mit den möglichen Maschinen. Wir sind ein Exportland und mittlerweile sind bei uns alle Dämme gebrochen. Wir beten hier alle den heiligen Profit an. Da gibt es keine Rücksichtnahme mehr. Auf niemanden.“
Benno legte auf. Nun hatte er eine Versicherungspolizze. Den zweiten Mann brauchte er nicht anzurufen. Der wartete seit einer halben Stunde in seinem Vorzimmer. Benno ließ ihn eintreten.
Nachdem Roger Harry Schillke hereingekommen war, warf er zuerst einen Blick in Richtung Fernseher. Mist. Wahrscheinlich wusste Benno noch gar nicht, was los war. Ihm wäre wohler gewesen, wenn er nur reagieren hätte müssen. Benno sah ihn gelassen abwartend an.
Schillke fasste sich ein Herz: „Hi. Benno. Ich glaube wir haben ein Problem.“
„Ach, Harry, glauben sollst du in der Kirche. Hier musst du wissen, ob du ein Problem hast. Ich jedenfalls habe keines.“
„Doch! Die Polizei weiß alles. Es steht in jeder Zeitung. Mach mal das Fernsehen an. Einfach schrecklich.“
„Harry, unser kleines Geschäft ist geplatzt. Das war irgendwann zu erwarten. Die Medien spielen die Sache hoch und in ein paar Tagen versickert alles im Sand. Die Polizei weiß überhaupt nichts. Der ganze Wirbel ist von einem kleinen Bullen in Wien ausgelöst worden, der seine Kenntnisse an ein paar Journalisten gleichzeitig verkauft hat. Alle, die er hatte. Ich kann dir sogar seinen Namen sagen. Aber der ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass du dir überlegst, von wem direkte Wege zu dir führen.“
„Erledigt. Die Marai ist tot. Der Patron ist eine sichere Bank. Dazu noch den Armenier und den Japaner, die aber nichts mit dem Verkauf zu tun haben, nur die Fälschungen organisiert haben. Ach ja, das amerikanische Pärchen. Aber die wissen nicht einmal, aus welchem Land ich komme. Ich habe da nichts zu befürchten.“ Roger stand trotzdem das Wasser auf der Stirn und er wand sich vor seinem Boss wie eine Ringelnatter.
„Gut. Dann wickle das Geschäft ruhig zu Ende ab“, sagte Benno, „Gib denen, die du später wieder einmal benötigen wirst, Geld. Von den anderen solltest du dich endgültig trennen. Kurz gesagt, liquidieren. Ansonsten haben wir genügend weitere Geschäfte, die deine Aufmerksamkeit brauchen. Wir müssen eine neue Location für die Snuff-Filme auftun und auch im Bereich Kinderpornos ist der Markt nicht zu befriedigen. Also genug zu tun.“
„Ich bin froh, dass du es so entspannt hinnimmst, Benno. Wir werden uns vorsichtig zurückziehen. Die Kinderpornos machen wir jetzt direkt in Rumänien. Das ist einfacher und billiger. Aber mehr als zwei Filme pro Wochen schaffen wir mit dem Personal nicht. Wir könnten irgendwo eine weitere Truppe auftreiben. Ich würde ungern zu viele Eier in einen Korb legen.“
„Mach, wie du denkst, Hauptsache richtig.“ Benno winkte ihm zu, was soviel wie „Abgang“ bedeutete.
Dankbar, entlassen zu sein, sprang Roger auf und beeilte sich hinaus.
Als Schillke verschwunden war, knallte in Bennos Geist die Peitsche von Oreste. Sein Unterleib begann zu ziehen. Er dachte an die junge Zigeunerin in ihrem Kellerverlies. Es müsste schön sein, sie die Peitsche vor seinen Bildern schmecken zu lassen. Nackt und gebückt über seinem kleinen Hocker. So wie sie Simone im KZ gespürt hatte. Die Schreie würden den Raum füllen und seiner Ausstellung einen würdigen Rahmen geben. Er spürte die Regung seiner Lenden massiv ansteigen und beeilte sich, der Sekretärin frei zu geben. Der Tag war ja auch bald vorbei.
13. März 2006 Wien 17 Uhr 15
Franz Huber war nach einem langen Gespräch mit seinem Chef ziemlich niedergeschlagen. Nur mit Mühe hatte er durchsetzen können, dass es für Tschikowski bei einer Abmahnung blieb. Schließlich war dessen Blödheit Teil ihres Planes gewesen.
Als er vor die Tür trat, winkte ihm die Störchin aus ihrem Auto. Huber freute sich wirklich; sie hatte offenbar auf ihn gewartet. Sie blickte ihn besorgt an: „Ärger wegen Tschikowski?“
„Ach, Störchin. Er ist zwar ein nervender Idiot, aber an dieser Sache fast unschuldig. Du kennst ja die Causa bereits. Was anderes, kommst du mit ins Hawelka? Ich möchte dich ein paar Leuten vorstellen, die ich sehr mag und die mit mir an dem Fall arbeiten.“
„Gern! Auf den Hinterhof, den ich von meiner Wohnung aus seh, kann ich gern verzichten. Und in den Zimmern stehen noch die Umzugskartons. Die können warten. Und neue Menschen mag ich.“
Während sie elegant durch den Verkehr huschte und mühelos, ohne Aufregung, den kleinsten Vorteil für sich ausnützte, erzählte Huber ihr von seinen Ermittlerfreunden. Plötzlich musste er lachen. Die Störchin lenkte nicht nur mit den Händen, sondern nahm auch die Spitze ihrer Zunge zur Hilfe, die immer mal wieder zwischen ihren Lippen hervorlugte, um die Richtung der nächsten Lenkbewegung anzudeuten.
Im Hawelka war die Stimmung gut. Tatijana hatte das Internet ausgewertet, Helga die Presse und das Fernsehen, Johann grinste behäbig über den vollen Erfolg seines Planes und Drago freute sich, Helga im Arm zu halten.
Huber stellte die Störchin vor und berichtete, dass es für Tschikowski nicht allzu hart werden würde. Allgemein herrschte die Ansicht, die nächsten Tage würden eine Menge an neuen Spuren, viel Arbeit und Reiserei bedeuten. Nixon hatte aus Rom interessante Entwicklungen angekündigt und befand sich gerade in Jerusalem, wie der Reichsgraf mitteilte.
Tschikowski wütete still in seinem Büro. Dieser alte Sack von Huber. Ihm eine Abmahnung zu verpassen. Es war doch nicht seine Schuld, wenn sich so ein Journalist was zusammenreimte. Vielleicht hatte der ja gar nicht seinen Zettel gehabt, sondern von irgendeinem anderen. Er war getadelt worden, und der Chef hing mit seinen Blicken nur an diesem Riesenkamel, der Gustlstörchin. Zum Haare raufen.
Als sein Telefon klingelte, bellte er in den Hörer. Es war dieser Drecksjournalist von der Kronenzeitung. So eine Frechheit, ihn wieder anzurufen. Er knallte den Hörer auf die Gabel. Der Kerl gab nicht auf und beim dritten Mal war Tschikowski bereit, zuzuhören. Sie verabredeten sich zum Essen im Plachutta in der Wollzeile, dem Rindfleischkönig Wiens.
Der Journalist saß schon an einem Tisch und winkte ihm zu. Der Kommissar setzte sich, ohne seinem Gegenüber die Hand zu geben. Die Speisekarte, die ihm der Schreiberling reichte, fühlt sich seltsam dick an.
„Entschuldigen’S, Herr Kommissar, da sind mir im Suff ein bisserl die Pferde durchgegangen. Hoffentlich hatten Sie nicht zu große Kalamitäten? Zum Trost, mein Chef hat Ihr Honorar nochmals verdoppelt.“ Dabei ließ er die Karte los, die Tschikowski vorsichtig öffnete. Ein dicker Briefumschlag mit lauter Hundertern. Das mochten gut und gern zehntausend Euro sein. Für so ein fürstliches Honorar ließen sich Unannehmlichkeiten wie eine Abmahnung ertragen. „Na gut, vergessen wir die Sache. Aber das kostet noch einen Abend bei der Josefine“, krönte er krähend seinen Triumph.
„Aber gerne!“, kam die prompte Antwort.
Während sie sich dem Tafelspitz widmeten, erklärte ihm der Journalist, dass er einen Anwalt kenne, der einige sehr gut situierte Kunstmäzene berate. „Sie spenden viel Geld für Museen und haben dadurch wesentlich bessere Kontakte als die nationale Polizei, um Aufklärung zu betreiben“, sagte er kauend, „aber Kommissare wie Huber und die Versicherungsfritzen klammern die völlig aus, obwohl sie helfen könnten.“
„Ja, die san alle Wichtigtuer“, bestätigte Tschikowski, „es ist ganz logisch, dass man die Kunstleute ermitteln lassen müsste.“
Bei der Nachspeise war ihm klar, dass er die Ergebnisse der Reichen und Schönen als seine eigenen verwenden könnte, denn diese Leute brauchten ja keinen Ruhm.
Mit Freude stimmte er einem Termin mit dem Anwalt noch am gleichen Abend zu. Um nicht unnötig Aufsehen zu erregen, sollte das Treffen in einer Suite des Hilton Hotels am Stadtpark stattfinden. Für einen kleinen Imbiss würde der Gastgeber sicher sorgen. Leider konnte der Journalist nicht selber dabei sein, da er andere Termine hatte.
Wieder in seinem Büro, überdachte Tschikowski die Situation. Streng genommen dürfte er mit niemandem über die Ermittlungen reden. Andererseits war ein Rechtsanwalt ja auch ein Mitglied der Rechtspflege. Also fast so etwas wie ein Kollege. So einem zu helfen, war sicher nicht falsch. Huber trieb sich ja sogar mit Privatdetektiven rum.
Viel schlimmer war, dass Tschikowski dem Rechtsanwalt nichts zu bieten hatte. Deswegen ging er am Computer noch einmal die Ermittlungsakten durch und prüfte, was bisher nicht in der Zeitung gestanden hatte. Da blieb eigentlich nur eine Sache. Eine weitere Wohnung der Marai, in der sie mit ihrer Geliebten, dieser perversen Patricia Lamm gelebt. Das war wenig. Aber da gab es ja noch Hubers Ermittlungsfreunde, fiel ihm ein. Vor allem diesen zweifelhaften Nigger und die grässliche Tatijana mit ihren Grafen, dessen Nutte sie bestimmt war. Dann die Brenner mit ihrem Zigeuner. Es war zwar nicht viel, aber er zeigte seinen guten Willen, wenn er dem Anwalt den Stoff anbot.
Er wurde empfangen, als ob er mindestens ein Minister wäre. Die Tische bogen sich unter kalten und warmen Speisen. Langustenschwänze neben Kaviar, Austern auf Eis, sogar Krokodilfleisch und Straußeneier gab es, das er jedoch ausließ; Tschikowski aß nur, was er kannte. Dazu wurde ein Champagner kredenzt, von dem er wusste, dass er zu den drei besten Sorten der Welt zählte.
Es war erstaunlich, wie viele Gemeinsamkeiten im Denken er mit dem klugen und weltgewandten Juristen hatte. Dass der Anwalt einfach seine Schwächen aufgriff, kapierte er nicht, also plauderte er unbekümmert drauflos.
Auf der Visitenkarte des Anwalts standen Adressen in Tokio, Wien, New York und Amsterdam. Tschikowski konnte nicht wissen, dass die Karte gar nicht seinem Gegenüber gehörte und der Rechtsanwalt auf der Karte nur einmal vor Jahren in Wien gewesen war. Als Tourist.
Stolz nahm er das Handy entgegen für eine schnelle und direkte Kommunikation. Die Nummern waren eingespeichert. Keinesfalls sollte er in der Kanzlei anrufen. Da gab es zu viele Ohren.
Tschikowski schmückte seine mageren Kenntnisse immer weiter aus. So machte er aus der Lamm eine Komplizin, die man zurzeit nur in Sicherheit wiegen und bei ihrer Rückkehr gleich festnehmen würde. Nach seiner Darstellung war sie wahrscheinlich sogar die Drahtzieherin hinter der Marai. Natürlich musste er sich auch über deren Sexualleben äußern.
Obwohl er nichts geleistet hatte, erhielt er 25.000 Euro. Damit er beweglicher sei, begründete der Anwalt die Zahlung. Mit einem Beamtengehalt sei es bestimmt schwierig, einen Leihwagen zu besorgen oder Flüge zu bezahlen. Der Anwalt verstieg sich sogar dazu, die Summe als Spielgeld zu bezeichnen und weitere Zahlungen in Aussicht zu stellen.
Für Tschikowski war der Abend ein voller Erfolg.
Als er in seiner Wohnung ankam, war er mit sich und der Welt zufrieden. Er würde wohl die längste Zeit ein einfacher Polizist gewesen sein. Mit diesen Leuten im Hintergrund standen ihm einfach alle Wege offen.
Zur gleichen Zeit gab der Anwalt die Daten Patricia Lamms an Salvatore Bruscini weiter. Der wusste bald, wann sie wieder in Schwechat landen würde. Seine Leute im Flughafen beschäftigten sich normalerweise mit dem Drogenschmuggel, würden aber bestimmt Zeit finden, auch diese Lesbe herauszuschmuggeln.
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