Politisch Korrekt diagnostiziert gestern bei Ralf Giordano Senilität, wenn auch mit einem Fragezeichen versehen. Ich bin mit Giordano sicher auch nicht immer einer Meinung. In letzter Zeit eigentlich gar nicht mehr. Ich bin Jahrgang 57 er ist Jahrgang 23. Er wurde von den Nazi verfolgt, ich habe mich immer bemüht die Nazis zu verfolgen. Wir haben völlig unterschiedliche Horizonte. Natürlich treffen wir uns an eingen Stellen. Kämpften vielleicht manchmal für die gleiche Sache, aber das macht uns nicht gleich.
1923 geboren. Wir schreiben 2008. Er wird bald 85. Ich 51. Da liegen dann mal eben 34 Jahre zwischen uns. Wenn man älter wird, merkt man das die Zeit knapper wird. Man muss sich konzentrieren. Hoffentlich auf das Wesentliche und auf das Richtige. Aber man blendet immer mehr Dinge aus, die man für belanglos hält. Das heißt nicht, das sie wirklich belanglos sind. Aber sie erscheinen den Menschen so. Natürlich ist bei jedem Menschen etwas anderes belanglos und jeder konzentriert sich auf etwas anderes. Wofür und wogegen man sich entscheidet, ist von den eigenen Erfahrungen, der Erziehung und auch von der Bildung und Herkunft abhängig. Es gibt nicht zwei völlig gleiche Menschen.
Giordano hat sein Leben lang gegen eine Bedrohung jüdischen Lebens gekämpft. Um es genauer zu sagen, gegen die Bedrohung jüdischen Lebens durch Deutsche und Nazis. Zu diesen beiden zumindest latenten Hauptfeinden kam aufgrund der Erfahrungen in Israel, auch die angebliche, islamische Bedrohung. Diese Bedrohung scheint in Israel ja auch real zu sein. Da fliegen Raketen in Siedlungen und explodieren Selbstmordattentäter in Cafes und Supermärkten.
Diese Bedrohung ist schrecklich. Aber es ist keine Bedrohung aus der hohlen Hand. Es ist eine Reaktion. Eine Reaktion auf den israelischen Staat in Palästina. Wir müssen gar nicht diskutieren ob die Israelis nach dem Holocaust eine Wahl hatten. Wir müssen auch nicht diskutieren ob die Palästinenser eine Wahl hatten. Es ist unerheblich. Die Fakten sind bekannt. Die Situation lässt sich durch Schuldzuweisung und auch durch Schuldanerkenntnis nicht mehr heilen. Die Schuldfrage ist also müßig.
Das der Konflikt der Palästinenser mit Israel für lange Zeit nichts anderes als ein Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion war, hat die Situation nicht vereinfacht. Das dazu noch der Streit zwischen Christen, Juden und Muslimen, die sich ja alle drei auf Abraham berufen dazu kommt, macht es auch nicht besser. Rechnet man dann noch das Öl dazu, dann wird die Situation völlig unberechenbar und undurchschaubar.
Ich kann mich da weise zurücknehmen und sagen das alle unrecht haben. Damit habe ich vielleicht sogar recht, bringe die Probleme aber auch keiner Lösung näher. Giordano konnte diese Position nicht beziehen. Er hat sich als deutscher Jude für seine Glaubensgenossen positioniert. Sicher auch oft mit Zahnschmerzen. Hätte er sich denn überhaupt anders positionieren können. Wie oft habe ich versucht israelische Übergriffe zu verteidigen, die eigentlich nicht zu verteidigen waren. Das kann ich also Giordano nicht vorwerfen.
Ich verstehe auch nicht, warum Giordano den Konflikt mit dem Islam unbedingt nach Europa und nach Deutschland importieren wollte. Er müsste wissen, das unsere Rechten, ihn gerne als Legitimation für die Vernichtung der Muslime zitieren werden um sich danach genüsslich den Juden zu zu wenden. Ich habe es oft geschrieben und gesagt. Es gibt nur eine Recht. Wenn ich Rassismus gegen eine Gemeinschaft zulasse, dann wird der Rassismus auch andere Gemeinschaften treffen. Rassismus und Faschismus können nur leben, wenn sie ständig durch einen inneren Feind davon ablenken können, das sie eigentlich nichts geregelt bekommen.
Wer Rassismus gegenüber dem Islam zulässt, wird Rassismus gegen die Juden nicht verhindern können. Schon heute werden von den einschlägigen Webseiten die gleichen Argumente gegen den Islam gebraucht, die früher gegen die Juden galten. Das ist der gleiche Ungeist. Diesen Ungeist hätte Giordano erkennen müssen. Anders übrigens als Broder, der seine Meinung noch zu Geld machen muss und deshalb nicht frei sein kann. Giordano ist frei.
Aber er ist eben auch alt. Er möchte so gerne die Weichen stellen und die Juden auf alle Zeit zumindest in Deutschland schützen. Da bin ich mit ihm einer Meinung. Aber es ist eben nicht der Islam, der, der echte Feind der Juden ist. Antisemitismus ist nur eine Form des Rassismus. Die Juden und die Muslime haben einen gemeinsamen Feind. Die Rassisten.
Wenn Ralph Giordano heute nicht mehr zwischen den markigen Wahlkampfsprüchen eines Herrn Koch unterstützt durch die Falschmeldungen der Blödzeitung und der gesamten Springerpresse unterscheidet, dann ist das kein Zeichen von Senilität. Er hat einfach die falschen Dinge für unwichtig erachtet. Er hat den Kampf gegen die echten Feinde der Juden, für einen Kampf gegen heiße Luft eingetauscht. Das ist einfach nur menschlich.
Wir sollten sein Lebenswerk achten. Es macht keinen Sinn ihn noch anzugreifen. Giordano ist für niemanden mehr ein Gegner oder gar Feind. Er verdient unsere Achtung, die wir am besten dadurch ausdrücken, das wir das, was wir als Entgleisung empfinden, eben nicht mehr kommentieren.
http://huibslog.huibs.net/journal/2008/1/13/ralph-giordano-een-shoah-overlevende-weigert-moslims-burgerr.html
Aber ihn nur deshalb nicht zu kritisieren oder einfach, weil er eben alt ist, halte ich trotzdem nicht für richtig. Giordano zehrt von seinem guten Ruf und verschafft damit Leuten eine Legitimation, die sie ohne ihn nicht in diesem Ausmaß besäßen. Alter ist weder eine Entschuldigung, noch ein Grund, jemanden nicht zu kritisieren. Das wäre Giordano vermutlich auch gar nicht recht.
Denn wenn ich eine Lebensleistung respektvoll sehen kann, dann muss es Gründe für bestimmtes Verhalten geben. Diese Gründe habe ich versucht aufzuzeigen.
Natürlich unterstützt er aktuell die falschen Leute. Ich habe mein Leben lang, für eine wie ich hoffe völlig andere SPD, als sie heute ist, geworben. Trotzdem was sich die SPD heute leistet tut es immer noch weh, ihr und ihren Vorturnern deutlich die Meinung zu sagen. Eine Ähnliche Entwicklung mache ich zur Zeit mit den Gewerkschaften durch.
Es ist extrem schwer, Dinge für die man ein Leben lang stand über Bord zu werfen. Wenn man das nicht mehr kann, kommt man schnell mit den falschen Freunden zusammen. Genau das passiert ihm aktuell. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Ich sehe allerdings keinen Sinn darin einen Kampf gegen Giordano zu führen. Broder ist ab und an ein Thema wert, aber grundsätzlich gibt es da auch nur noch wenig Diskussionbedarf. Dein Dauerkampf gegen PI ist zwar ehrenhaft, aber in Wirklichkeit genauso sinnlos wie der vom Bildblog. Es geht der Bildzeitung am Arsch vorbei und PI freut sich, wenn irgendjemand deren Schwachsinn zur Kenntnis nimmt.
Meine Angst ist nur, das sich die Dinge verselbständigen. Ich kann kaum einen Artikel mehr schreiben, ohne das neoliberal und wirtschafsfaschistisch drin vorkommt. Genau so eine Schwäche. Klar will ich mit stetem Tropfen den Stein höhlen, aber vielleicht sollte ich ständig wechselnde Ausdrucksformen benutzen.
Ich denke auch nicht, dass es darauf ankommen kann, ob jemand etwas am Allerwertesten vorbei geht oder nicht. Daraus beziehe ich nicht meine Motivation. Die finde ich darin, dass ich es in Fällen wie PI wichtig finde, zu widersprechen. Ob das einen praktischen Nutzen hat oder nicht, weiß ich nicht. Es ist mir aber auch egal.
Jochen, du sprichst mir aus der Seele.
Was den "Glauben" anbelangt ist Giordano bekennender Atheist, aber in Deutschland gelten halt eben immer noch die Nürnberger Gesetze, nach denen Giordano übrigens "Halbjude" ist.
Irgendwie müssen wohl selbst die selbstdefinierten "guten" Deutschen das loswerden, das "in ihnen" denkt.
Was Giordano nach den Nürnberger Rassegesetzen sein würde ist egal, da wir die Gott sei Dank abgeschafft haben und wenigsten einen Teil der Leute die sie gemacht haben gleich mit.
Da war übrigens gerade wieder dieser Gottesbezug. Ich kenne keinen an aber ich danke ihm. Ähnlich Giordano, der vielleicht kein glaubender Jude ist, aber sich trotzdem für seine Glaubensgenossen positioniert.
Im Gegensatz zu manch anderem bin ich eben kein guter Deutscher. Ich bin Westfale, Sauerländer von Geburt, gewordener Berliner. Mit diesem Deutschland verbindet mich wenig bis nichts.
Aber manch einer dem eine Linie nicht passt, der versucht zwischen den Zeilen zu interpretieren was auch dort nicht steht.