Die Zeit macht sich in ihren Mediadaten selber Mut und attestiert sich für ihr Käseblättchen eine verkaufte Auflage von 491.000 Exemplaren im zweiten Quartal 2077 und rechnet sich daraus eine Reichweite von 2.120.000 Lesern aus. Das ist mutig. Ich sehe das Blättchen meist in irgendwelchen Empfangsräumen und Wartezimmern für das billige Volk rumliegen. Kennt irgendjemand irgendjemanden der das Blättchen wirklich liest. Nein ich meine natürlich nicht die Mitarbeiter.
Ich bekomme den RSS-Feed der Online-Ausgabe. So im Schnitt alle zwei bis drei Wochen haben die mal was, das sich anzuklicken lohnt und vielleicht alle Vierteljahr etwas, das man zitieren könnte. Normalerweise sind sie wie die FAZ einfach viel zu langsam. Bis die eine Nachricht verarbeitet haben, ist sie Schnee vom vergangenen Jahr.
Da es ihr an aktuellen Themen mangelt, bekämpft sie ihren ärgsten Feind, nämlich die Blogger. Natürlich tut sie das mit der Art von Überheblichkeit, die unseren Qualitätsjournalisten ja so eigen ist. Sie muss diffamieren, damit ihr Publikum davon abgelenkt wird, das sie selbst eigentlich nur ein Verlautbarungsorgan für die neoliberalen Wirtschaftsfaschisten und ihre Anzeigenkunden ist. Eng wird es, wenn die Anzeigenkunden mitbekommen, das niemand das Blatt wirklich liest.
Heute gibt es einen netten Vorwand, wieder einmal gegen die Bloggerkonkurenz zu Felde zu ziehen und dabei gleichzeitig ein Buch schönzureden. In einem Interview mit dem Medienwissenschaftler Geert Lovink der sein Buch ""Zero Comments" im Januar auf Deutsch vermarkten muss.
Selbstverständlich ist Geert Lovink laut Zeit der bedeutendste Medienwissenschaftler seit Jesus Christus und überhaupt der Fachmann schlechthin und das Schöne ist, das sein Buch netzkritisch sein soll. Ich kenne Geert Lovink nicht. Habe genauer gesagt, noch nie etwas von ihm gehört und kann nach diesem Interview auch gut damit leben, nie wieder etwas von ihm zu hören.
Lovink meint, das Bloggen vor allem auf der leichten Handhabbarkeit von Blogsoftware beruht. Die Ansicht ist nicht neu. Sie entspricht ungefähr der Ansicht, das die Verfügbarkeit von Hammer und Meißel, sowie Steinen, zu einem enormen Anstieg der Michelangelos geführt habe. Er begreift nicht, das viele Autoren im Netz nur einfach ein weiteres Medium nutzen, das sie in anderer Form, lange vor den Blogs schon bedient haben. Für die Zeiten des Usenet ist er vielleicht einfach zu jung.
Das merkt man auch an dieser Stelle:
Lovink: Eindeutig ist die Blogosphäre etwas Einsames, Reflexives. Man stellt sich dar, obwohl man vielleicht gar nicht mehr weiß, wem man sich offenbart. Blogging betreibt einen Kult um das Individuum unter individualismusfeindlichen Bedingungen, insofern ist es der Nachfolger des Tagebuchs. Allerdings handelt es sich um eine vollkommen neue Tagebuchkultur, die weder öffentlich ist noch privat, sondern in einem Zwischenbereich spielt. Obwohl Blogging Schrift ist, hat es etwas Informelles: Wie ein Gerücht verblasst und vergeht es sehr schnell. Und das hat es noch nicht gegeben. Bis vor Kurzem noch herrschte eine äußerst starke Trennung zwischen dem Gespräch, das verweht, und dem schriftlich Notierten.
Ich seh ihn vor mir, den einsamen Nerd, der ins Nichts schreibt mit fettigen Haaren. Was Lovink wie viele andere nicht begreifen, ist das bloggen sehr kommunikativ ist und die Ebene von Blogbeitrag und Kommentar sehr schnell verlässt. Ich habe mir nur in diesem Jahr 1900 Kommentare eingehandelt, aber sicher noch mal die gleiche Anzahl an Mails und Anrufen von Chat-Kontakten nicht zu reden. Selbst beim Einkaufen werde ich auf einzelne Beiträge angesprochen, oder wenn der Hund an den Baum pinkelt.
Die Zeit ist traurig darüber, das sich die Relevanz von Bloggern nur dadurch bemisst, ob sie Clicks und Rankings erreichen. Ich möchte die Herrschaften an ihre Mediadaten erinnern, die ich nicht umsonst an den Anfang dieses Beitrages stellte. Ich habe vor einiger Zeit aufgehört mich um diese Art von Relevanz zu kümmern. Ich sehe nicht mehr nach, wie viele Leute mich lesen oder wo ich stehe. Ich glaube ich werde dadurch authentischer. Aber selbst das kann täuschen.
Lovink beschäftigt sich auch mit Relevanz:
Denn die Mehrzahl der Blogs wird ja gerade nicht gelesen, sie spielen in einer Grauzone der Öffentlichkeit, von der sich einige wenige Spitzen-Blogger abheben. Die Null, die in der Software aufscheint – kein Verkehr, niemand da gewesen, das »Nihil« von Nihilismus –, ist die Regel, nicht die Ausnahme.
Das erinnert sehr stark an den Nichtschwimmer, der darüber redet die Havel oder den Rhein zu queren. Das was er sagt, hört sich bedeutungsvoll an, ist aber trotzdem Unsinn. Es gibt den Blog, den keiner liest, überhaupt nicht. Alle werden gelesen. Vielleicht nur von der Oma und den drei besten Freunden. Wer las noch mal die Zeit?
Das ist Autorenschicksal. Meine Krimis werden zur Zeit eben auch nur von Leuten gelesen die mich mögen und deshalb in ihrem Urteil nicht frei sein können. Deshalb kann ich da jeden Scheiß verzapfen. Wenn ich sie allerdings nicht verkaufe, dann weiß ich das sie keinen Markt haben und muss bessere schreiben.
Ich bediene in meinem Blog eine bestimmte politische Ecke. Leider habe ich den Katzencontent nicht dem Lovink so viel Bedeutung zumisst. Das liegt wahrscheinlich daran, das die beste aller Lebensgefährtinnen eine Katzenallergie hat, oder zumindest eine vorgibt, um die Katzentoilette zu vermeiden. Dafür habe ich Hundecontent. Ab und an.
Lovink, vielleicht bedingt durch die Fragetaktik der Zeit, macht einen grundsätzlichen Fehler. er begreift die Tiefe des Bloguniversums nicht. In meinem Feedreader sind "Das blonde Alien", Citronengras und ZAFmit ein paar hundert anderen friedlich vereint. Aber damit habe ich nicht annähernd einen Querschnitt der deutschen Blogszene. Nicht einmal die Spitze des Eisbergs.
Mein Feedreader spiegelt meine Lesegewohnheiten und Vorlieben. Er wird doch Leute beeinflusst, die ich auch mag und die mir Leseempfehlungen geben. In einem unendlichen Universum von Blogs, schaffe ich mir mein endliches Abbild. Mehr ist auch nicht möglich. Weder für mich, noch für Lovink oder gar die Ignoranten der Zeit. Man kann nichts abschließend bewerten, das man nicht mal in Bruchteilen kennt.
Lovink und die Zeit können das nur, weil sie anstatt nachzudenken, ihr Wunschdenken herausplappern. Ich freue mich an meiner Hand voll Sandkörner, aber ich vermag nichts über die Wüste zu sagen. Selbst die paar Sandkörner scheinen in unterschiedlichem Licht völlig anders zu sein, als ich sie gerade noch sah.
Blogs werden von Menschen gemacht. Da gibt es nicht nur unterschiedliches Licht, sondern unterschiedliche Stimmungen, Entwicklungen, Einflüsse. Da gibt es Leben. Wer den Prozess des Lebens dadurch verstehen will, das er das Leben tötet um es zu sezieren und dann schlaue Bücher darüber schreibt, wie sich ihm das tote Leben darstellt, der mag sich vielleicht erfolgreich selbst befriedigen, aber Antworten hat er nicht.
Die Zeit muss übrigens keine Angst vor den Bloggern und dem Internet haben. Die werden das Ende der Zeit nicht beschleunigen. Die Zeit ist wie ein alter toter Baum. Er steht noch, aber er ist trotzdem schon tot. Der Wind in seinen Ästen spielt schon lange nicht mehr das Lied des Lebens, sondern beweint den Tod des einstmals stolzen und schönen Baumes.



















ich gehöre auch nicht zu denjenigen, die die Zeit lesen. Aber gelegentlich kommt es vor, dass ein Blogger mal die Zeit verlinkt - und dann lese ich die dortigen Leserkommentare, wenn denn welche vorhanden sind.
Kürzlich habe ich beispielsweise die Leserkommentare zu einem Zeit-Artikel in der Zeit-online gelesen, wo es um irgendwelchen feministischen Unsinn gegangen ist. Den Hauptartikel wollte ich mir nicht durchlesen, aber die Leserkommentare sind grundsätzlich bei allen bekannten Zeitungen recht aufschlussreich. Denn man kann feststellen, dass die veröffentlichte Meinung (Zeitung) mit der öffentlichen Meinung (Leserkommentare) sehr häufig nicht übereinstimmt.
Mir ist die Statistik der Leserzugriffe auf meinem eigenen Weblog übrigens auch fast egal. Trotzdem ist sowas ein kleiner Indikator. Aber es sollte einem wirklich egal sein, zumindest ist das meine Meinung.
Im übrigen bloggen nicht nur Außenseiter, sondern auch Mitarbeiter von sehr bekannten Firmen. Beispielsweise habe ich kürzlich im Weblog eines Softwareentwicklers einer sehr bekannten Softwarefirma aus Redmond gelesen. Dort stand sinngemäß, dass es dem Weblog-Autor eigentlich egal ist, ob sein Zeug jemand liest oder nicht. Aber vielleicht gibt es ja jemanden. Also das ist immer auch ein Grund, zu bloggen: Es könnte ja vielleicht jemanden interessieren. Und das, was ich schreibe, interessiert mich auch.
Im übrigen glaube ich, dass es tatsächlich recht wenige gute deutsche Weblogs gibt, weil Impressumspflicht und Abmahnwelle den Effekt haben, dass viele es gar nicht erst versuchen. Qualität kostet Geld - und wer kann bei der teilweise absurden deutschen Rechtsprechung schon wirklich kritischen Journalismus leisten als Privatperson? Ich nicht, deswegen blogge ich auch anonym. Vom intellektuellen Standpunkt aus gesehen wäre es kein Problem, umfangreiche Qualität zu liefern. Aber das muss man auch finanzieren können. Im übrigen kommt Qualität auch nicht von den Zeitungen, denn die sind von den Verlagseigentümern und Werbekunden abhängig.
Mir sind die diversen Zeitungen einschließlich der Zeit jedenfalls komplett egal. Ich möchte nur wissen, wo Deutschland zur Zeit steht - am Abgrund.